Grundlagen der klassischen Akupunktur
von Carl-Hermann Hempen
Unter Akupunktur versteht man eine spezifische Behandlung bestimmter Hautareale unter Verwendung von Nadelstichen (acus = lat. Nadel; pungere = lat. stechen). Diese Therapieform ist in Jahrtausenden in China entwickelt worden. Die genaue chinesische Bezeichnung lautet »zhenjiu«, was bedeutet, dass man sowohl mit der Nadel (zhen) als auch mit der Erwärmung durch abbrennende Beifußkegel oder -zigarren (jiu), auch Moxibustion genannt, diese Orte reizt. Die Übersetzung dieser Therapieform lautet also Acu-Moxi-Therapie. Die Hautareale, welche sich zur Behandlung spezifischer Erkrankungen besonders eignen, wurden über mehrere Jahrtausende erfasst. Einen vorläufigen Abschluss fand die Zusammenstellung im 17. Jahrhundert mit der Beschreibung von 361 klassischen Punkten, davon 309 paarigen. Diese »Punkte«, Orte auf der Haut, heißen im Chinesischen »shuxue« (lat. foramen), wobei »shu« die Bedeutung von induzieren, beeinflussen hat und »xue« die Bedeutung von Öffnung, Höhlung, Vertiefung. Eine genauere Zuordnung dieser Punkte zu anatomischen Strukturen bzw. zu naturwissenschaftlich (mit den Mitteln der modernen Physiologie bzw. Diagnostik) fassbaren Funktionseinheiten wurde noch nicht vorgenommen. Vielfach wird aber eine Beziehung zum körpereigenen Endorphinsystem bzw. zu den Head-Zonen diskutiert.
1. Das energetische System
Durch diese foramina (Akupunkturpunkte) kann man also aufgrund ihrer Eigenschaft als »Öffnung« auf ein dahinterliegendes System induktiven Einfluss ausüben. Seit Jahrtausenden wurde ein »Energie-führendes« System, das durch die Akupunkturpunkte (foramina) erreichbar ist, nicht nur als Notwendigkeit postuliert, sondern immer wieder klinisch erprobt. Die fließende »Energie« im geforderten System wird in ihrem aktiven Aspekt in der chinesischen Medizin als »qi«, in ihrem stofflichen Aspekt als »xue« bezeichnet. Das »qi« zu erreichen und zu beeinflussen ist das Ziel des Akupunkteurs.Die das »qi« führenden Bahnen werden Leitbahnen (chin. jing-luo, lat. sin-arterien) oder auch Meridiane genannt.
2. Das physiologische Modell
Nach den Vorstellungen der chinesischen Pathologie traditioneller Prägung werden alle Lebensäußerungen des Menschen (körperliche, psychische, emotionelle, funktionelle) in einer differenzierten und sinnfälligen Weise 5 verschiedenen Funktionsbereichen (lat. orbes) zugeordnet, welche teilweise mit Organbezeichnungen etikettenhaft belegt sind. So spricht man von einem:
Alle klinischen Daten, sowohl physiologische wie pathologische, die nach den Regeln der chinesischen Diagnostik erhoben werden, können diesen einzelnen Bereichen zugeordnet werden und erfahren dadurch eine spezifische Wertung.
Weiterhin zeigen alle Leitbahnen bei einer Affektion ein spezifisches pathologisches Bild, wobei neben der Topographie auch funktionelle generalisierte Störungen eine Rolle spielen können. Die krankhafte Entgleisung der Funktionslage in einem Bereich (orbis) kann in unterschiedliche Richtungen weisen. Die chinesische Diagnostik spricht von Leitkriterien, wobei folgende Qualitäten unterschieden werden:
Die Schädigung des Systems kann sowohl auf äußere (Agenzien) wie auch auf innere Faktoren (Emotionen) zurückzuführen sein. Beispielhaft für äußere Agenzien sind »Wind«- Erkrankungen (ventus) und »Feuchtigkeits«-Erkrankungen (humor), wobei die chinesische Pathologie diese Begriffe klinisch genau definiert. Eine Entsprechung in den Begriffen der westlichen Pathophysiologie gibt es bisher nicht.
3. Das Leitbahnsystem
Das Leitungssystem wird auch mit einem wasserführenden Kanalsystem verglichen. Dieses Leitbahnsystem wird rhythmisch pulsierend im Brustbereich beginnend mit »qi« versorgt, welches zirkulierend in 12 Abschnitten durch dieses System bewegt wird. Nach der Topographie, ob an der Innen- oder Außenseite liegend, werden die Leitbahnen als Yin (innen) oder Yang (außen) gekennzeichnet. Ein Zyklus hat folgenden Verlauf:
Nacheinander werden 3 derartige Zyklen auf nahezu parallelen
Bahnen durchflossen, woraus sich (3 x 4 Abschnitte) die 12 Hauptleitbahnen
ergeben. Nur diese Hauptleitbahnen (cardinales)
sind über die oben beschriebenen Akupunkturpunkte (foramina) erreichbar. Erweitert wird dieses energetische
Hauptverkehrsnetz durch eine enger werdende Vernetzung mit
8 unpaarigen Leitbahnen,
15 Netzbahnen sowie
12 Muskelleitbahnen.
Lediglich 2 unpaarige Leitbahnen, die in der Körpermedianen
liegende »Leitbahn der Steuerung« (chin. dumo,
lat. sin-arteria regens) am Rücken
liegend, und die »Aufnehmende Leitbahn« (chin. renmo, lat. sin-arteria respondens) über die Bauchseite ziehend,
weisen eigene foramina auf.
Klassischerweise erhalten sämtliche Hauptleitbahnen eine abgestufte Qualifizierung nach Yin und Yang. Aufgrund klinischer Erfahrungen läßt sich jedoch weiterhin eine Zuordnung zu den einzelnen Funktionsbereichen durchführen. Die Yin-Leitbahnen des Armes weisen eine besondere Affinität zu den Funktionsbereichen auf, deren anatomisches Substrat in der oberen Körperhälfte zu finden ist, nämlich den orbes cardialis, pulmonalis und pericardialis. Die Yin-Leitbahnen des Beines zeigen einen Bezug zu den orbes hepaticus, lienalis et renalis. Die Yang-Leitbahnen sind entsprechend dem zyklischen Verlauf jeweils als Außenbereich den Yin-Funktionsbereichen angegliedert. (Beispiel: cardinalis lienalis [Yin] ist gekoppelt mit der cardinalis stomachi (Yang); cardinalis pulmonalis [Yin] ist gekoppelt mit der cardinalis intestini crassi [Dickdarm] [Yang]. So besteht der 1. Zyklus aus den 4 Leitbahnen:
4. Die Ordnung der Punkte
Auf allen Hauptleitbahnen finden sich Akupunkturpunkte (foramina) gleicher Qualitäten. Dadurch erhält das System der »parallelen Bahnen« eine zusätzliche Struktur und somit alle Akupunkturpunkte eine praktikable Ordnung. Bei gleich qualifizierten foramina spricht man auch von funktionellen Kategorien (weil nach Funktionsgruppen geordnet). So gibt es:
5. Beschreibungsmuster der Akupunkturpunkte (foramina)
Eingebettet in das energetische Entsprechungssystem unterliegt jeder Akupunkturpunkt einem festen Muster, das insbesondere auch seine therapeutische Bedeutung wiedergibt.
6. Therapie
Nach traditioneller Lehre werden zur Reizung der Akupunkturpunkte in erster Linie Stahl-Nadeln benutzt, wobei die Modalität und Stichtiefe sowohl von der Topographie des Punktes als auch vom gewünschten therapeutischen Effekt abhängen. Bei Letzterem gilt es hauptsächlich zu unterscheiden, ob der Therapeut eine sogenannte zerstreuende Wirkung (dispulsive, das Energiepotential mindernde Therapie) beabsichtigt oder im Gegenteil eine ergänzende (suppletive, Energie zuführende) Therapie.
Eine bestimmte Form der Mehrung von Energie, nämlich von aktiver, wärmender, ist die Behandlung mit abbrennendem Beifußkraut, als Zigarren oder als Kegel, auch Moxibustion genannt (japanisch mogusa für das chinesische jiu). Trotz wichtiger klassischer Regeln in der Therapie ist jedem Therapeuten ein großer Freiheitsraum gegeben, so z.B. ob er wenige oder viele Nadeln verwendet, paarig oder einseitig therapiert etc. In neuerer Zeit werden zur Reizung der Punkte Methoden wie Laser-Technik, elektrische Reizung von Nadeln, Injektionen diverser Pharmaka in die Akupunkturpunkte und anderes versucht. Auch hat man neben den klassischen 361 Punkten zunehmend »Neupunkte« oder Punkte außerhalb der Leitbahnen mit in die therapeutische Erweiterung eingebaut. Inzwischen zählt man über 2000 nicht systematische Punkte.
Ohrakupunktur (Aurikulo-Medizin)
Die Ohrakupunktur ist wahrscheinlich westlichen oder arabischen Ursprungs und hat in den letzten Jahren in Westeuropa sehr an Bedeutung gewonnen.
Obwohl ohne historischen Bezug zur traditionellen chinesischen Medizin und der Acu-Moxi-Therapie, wird sie auch in China angewandt.
Nach klassischer Vorstellung entspricht das Ohr dabei dem Modell eines auf dem Kopf stehenden Fetus, wobei die Helix als die nach außen gekrümmte Wirbelsäule anzusehen ist. Organe und einzelne Körperabschnitte projizieren sich so auf die Ohrmuschel und werden einer Stimulation durch Nadeln etc. zugänglich.
Anwendungsgebiete der Ohrakupunktur sind vor allem Störungen des Bewegungsapparates (z.B. Ischialgien) und Schmerzzustände funktioneller Art sowie Migräne; s.a. Stichwort Ohrakupunktur im Textteil, dort Abb.
P5 »Moorsee am Fußpunkt« (lat. lacus pedalis)
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Leitbahn: cardinalis pulmonalis (Lungen-Meridian)
Qualifikation: Verbindungspunkt der Leitbahn, von dem man das in der Tiefe liegende Substrat des orbis pulmonalis erreichen kann. Außerdem wird dieses foramen dem »Wasser« zugeordnet, was schon durch seinen Namen angedeutet wird und auf seinen kühlenden Effekt hinweist.
Wirkung: Das qi der »Mitte« wird stabilisiert, das qi pulmonale wird gekräftigt; auf diese Weise wird sein ausgleichendes Gewicht gegenüber dem orbis hepaticus hergestellt. Feuchtigkeit (humor) wird beseitigt, Hitzesymptome (calor) werden gekühlt.
Befunde - Indikationen:
Neuerdings findet dieses foramen in China auch Verwendung bei Husten, Asthma, Pneumonie, Pleuritis, Hämoptoe, Halsschwellung
Technik: Nadelung senkrecht 10 bis 20 mm; Moxibustion möglich.
S36 »Dritter Weiler am Fuß« (lat. vicus tertius pedis)
Leitbahn: cardinalis stomachi (Magen-Meridian)
Qualifikation: Verbindungspunkt (also einer der »Fünf Einflusspunkte« der Leitbahn), der wie bei P5 die Verbindung nach innen herstellt. Der ganze Funktionsbereich der »Mitte« (orbes lienalis et stomachi) ist im Chinesischen als »Erd-Phase« qualifiziert, und dieses foramen hat einen betonten Bezug zur »Erde«. So eignet sich dieser Punkt ganz besonders, stützend auf diesen zentralen Bereich des Individuums Einfluss zu nehmen.
Wirkung: Die »Mitte« (orbes lienalis et stomachi) wird gestützt und reguliert, die aktive Energie (qi) und die Säfte (xue) werden harmonisiert.Befunde - Indikationen: Jede Symptomatik, bei der Schwäche-Zeichen (inanitas) der »Mitte« oder Feuchtigkeits-Belastungen (humor) zugrunde liegen, wie: Spannungsgefühl im Bauch, Völlegefühl, Schmerzen im Oberbauch, Verdauungsbeschwerden, Gedunsenheit, Ödemneigung, allgemeine Erschöpfungszeichen.
Von der Gastritis bis zum allgemeinen Leistungsabfall, von der Schocksymptomatik bis zum Asthma kann das Leistungsspektrum dieses foramens reichen. In der Prophylaxe gilt die Behandlung dieses Punktes als eine klassische Maßnahme, wobei die Annahme Vorrang hat, dass hiermit die erworbene Konstitution nachhaltig gestützt werden kann.Aus diesen Gründen zählt dieses foramen zu den am häufigsten verwendeten Akupunkturpunkten.
Technik: Senkrechte und schräge Nadelung 15-40 mm; Moxibustion ist möglich und besonders bei der selbstdurchgeführten Prophylaxe üblich.
IC4 »Vereinte Täler« (lat. valles coniunctae)
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Leitbahn: cardinalis intestini crassi (Dickdarm-Meridian)
Qualifikation: Es ist der Ort, an dem man das »Ur-qi« dieser Leitbahn unmittelbar erreichen kann. Das »Ur-qi« dieses Bereiches entspricht der außen wirkenden Wehr-Energie.
Wirkung: Wind-Schädigungen (ventus) werden zerstreut, die Oberfläche (species) wird gelöst, also offen gehalten. Schmerz wird gelindert, und das Leitbahnsystem wird durchgängig gehalten.
Befunde - Indikationen: Frühstadien eines grippalen Infektes oder einer Erkältungskrankheit bilden eine ideale Indikation, da derartige »Wind-Schädigungen« durch die Oberfläche wieder ausgetrieben werden können. Kopfschmerzen, schweißloses Fieber, Schnupfen, Halsschmerzen.
Weiterhin werden auch »Wind-Schädigungen« inneren Ursprungs mit diesem foramen therapiert, wie: Hemiplegie, Exanthemkrankheiten, Facialisparese, Augenbeschwerden mit Schmerzen, Kopfschmerzen, Zahnschmerzen.
Technik: Senkrechte Nadelung 10-20 mm, aber auch Moxibustion möglich.
L6 »Die Verbindung der drei Yin« (lat. copulatio trium yin)
Leitbahn: cardinalis lienalis (Milz-Meridian)
Qualifikation: Wie der Name schon sagt, verbinden sich in diesem foramen die 3 Yin-Leitbahnen des Fußes.
Wirkung: Der orbis lienalis wird gekräftigt, Feuchtigkeits-Belastungen (humor) werden umgewandelt, der orbis hepaticus wird entspannt, der orbis renalis gestützt; der Säfteumlauf wird gesteigert.
Befunde - Indikationen:
Bei Prozessen im kleinen Becken ist dieses foramen wegen seines breiten Wirkungsspektrums sehr bewährt.
Technik: Sowohl senkrechte Nadelung 8-15 mm, schräge Nadelung 20-30 mm als auch Moxibustion ist üblich.
T5 »Äußeres Passtor« (lat. clusa externa)
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Leitbahn: cardinalis tricalorii (3-Erwärmer-Meridian)
Qualifikation: Verknüpfungspunkt der Leitbahn, über den eine Querverbindung zur gekoppelten Leitbahn (in diesem Falle cardinalis pericardialis) hergestellt wird. Außerdem kann man über dieses foramen eine sogenannte »Unpaarige Leitbahn« (in diesem Fall das »Haltenetz des Yang«) stimulierend beeinflussen.
Wirkung: Die Oberfläche wird geöffnet, Hitze- (= calor)Schädigungen werden zerstreut, das Leitbahnsystem wird durchgängig gemacht, Blockaden des qi werden beseitigt.
Befunde - Indikationen:
Technik: Nadelung 5 bis 15 mm; auch Moxibustion möglich.
V40 »Mitte des Staugewässers« (lat. medium lacunae)
Leitbahn: cardinalis vesicalis (Blasen-Meridian)
Qualifikation: Verbindungspunkt (also einer der »Fünf Einflusspunkte« der Leitbahn), der wie S36 die Verbindung nach innen herstellt. Dieses foramen wirkt auf den Leitbahnverlauf und so auf den gesamten Rücken.
Wirkung: Die orbes renalis und hepaticus werden gestützt und reguliert, das Yang wird gebändigt, Hitze-Befunde (Calor) werden gekühlt, Knie und Lenden werden gestärkt.
Befunde - Indikationen:
Technik: Eine senkrechte Nadelung von 10-20 mm ist üblich, bei akuten Lumbalbefunden ist auch eine blutige Nadelung sinnvoll, um gestaute Energiebeträge auszuleiten.
© Urban & Fischer 2003 Roche Lexikon Medizin, 5. Aufl.