Rolle des Diabetes
Wichtig zu wissen für Diabetiker
Jeder Diabetiker weiß, dass abhängig von der Güte
der Blutzuckereinstellung nach Jahren und Jahrzehnten Langzeitschäden
am Auge (Retinopathie) und den Nerven (Neuropathie) und am
Herzen (Koronare Herzkrankheit) sowie den Gefäßen
(periphere Verschlusskrankheit) auftreten können.
Was derzeit noch nicht hinreichend gewusst wird: die Niere
ist ein mindestens ebenso wichtiges Organ, an dem sich Spätschäden
des Diabetes zeigen können. Das Hinzutreten einer diabetischen
Nierenschädigung, erkennbar an einer gesteigerten Albuminausscheidung
im Urin (Mikroalbuminurie), ist sogar ein Faktor, der das
Risiko anderer diabetischer Spätschäden stark steigert.
In den letzten Jahren sind zahlreiche neue Erkenntnisse auf
diesem Gebiet erarbeitet worden, die noch nicht hinreichend
Eingang in den Wissensstand von Patienten und Ärzten
außerhalb des Spezialgebiets der Diabetologie und Nephrologie
gefunden haben.
Es ist daher das Ziel dieses Beitrags, aus der Sicht des Nierenfacharztes
(Nephrologen) das auf diesem Gebiet Wissenswerte für
den Patienten kurz darzustellen.
Wie
groß ist das Risiko?
Das Risiko eines Diabetikers, Spätschäden an der
Niere zu entwickeln, hängt ab von der Güte der Stoffwechseleinstellung.
Es liegt bei 20 bis 40 Prozent, mit anderen Worten: nicht
jeder Diabetiker ist schicksalsgemäß dazu verurteilt,
Spätschäden and der Niere zu entwickeln. Wir wissen
heute, dass Erbanlage (genetische Ursachen) eine wichtige
Rolle spielen. Unter den vermeidbaren Ursachen sind die wichtigsten
eine lang dauernde unkontrollierte Erhöhung der Blutzuckerwerte
(Hyperglykämie), Zigarettenrauchen (Risikoerhöhung
um das 3- bis 4-fache) sowie wahrscheinlich auch - zumindest
beim Typ 2-Diabetiker - erhöhte Blutdruckwerte. Möglicherweise
spielt auch eiweißreiche Kost mit einer Zufuhr von mehr
als 15% der Energie, speziell von tierischem Eiweiß
eine gewisse fördernde Rolle.
Ist
das Risiko vermeidbar?
Ich bin nicht sicher, ob bei einem Diabetiker in jedem Fall
das Risiko der Nierenbeteiligung absolut vermeidbar ist. Aber
was heute außer jedem Zweifel steht, ist, dass sehr
viel getan werden kann, um das Risiko drastisch zu mindern.
Sowohl bei Typ 1 als auch Typ 2-Diabetikern haben Untersuchungen
gezeigt, dass eine gute Blutzuckereinstellung, erkennbar am
HbA1c-Wert, das Risiko des Auftretens einer Frühform
der Nierenbeteiligung (Mikroalbuminurie) erheblich vermindert.
Es gibt keine Grenzwerte für den optionalen HbA1c-Wert:
je niedriger, desto besser.
Beim Typ 2-Diabetiker, möglicherweise auch beim Typ 1-Diabetiker,
ist das Risiko um so größer, je höher der
Blutdruckwert ist. Die Fachgesellschaften haben die wünschenswerte
Blutdruckhöhe beim Diabetiker auf 130/80 mmHg festgelegt,
bei einer vorliegenden Nierenbeteiligung noch niedriger. Es
ist im Moment unter den Fachleuten umstritten, ob der Einsatz
bestimmter Blutdrucksenker, sogenannter ACE-Hemmer, das Risiko
stärker vermindern als der Einsatz anderer Blutdruck-senkender
Substanzen. In der HOPE-Studie konnte gezeigt werden, dass
beim Diabetiker ACE-Hemmer das Auftreten kardiovaskulärer
Zwischenfälle vermindern. Dies hat zur Konsequenz, dass
sinnvollerweise Diabetiker schon aus dieser Indikation in
der Zukunft ACE-Hemmer erhalten werden, und daher die Frage,
ob hier noch zusätzlich die Nierenbeteiligung vermindert
wird, wohl nicht mehr beantwortet werden wird.
70% der Diabetiker, die an die Dialyse kommen, sind Raucher
- das Rauchen finden wir weit häufiger als in der deutschen
Allgemeinbevölkerung. Wenn also jemand das Pech hat,
einen Diabetes zu haben, ist der Rat mit dem Rauchen aufzuhören,
sicherlich ein sehr guter Rat.
Wie
erkennt man die Nierenbeteiligung?
Das früheste Warnzeichen, welches auf eine Nierenbeteiligung
hinweist, ist das Auftreten von Albumin, einem Eiweiß-Körper
des Blutes, im Urin. Die Konzentration ist in dem Frühstadium,
welches für die rechtzeitige Therapie so bedeutsam ist,
so gering, dass sie mit Routineverfahren des Urin-Eiweiß-Nachweises
nicht entdeckt wird - mit Spezialtest, von denen es auch einfache
Streifentests gibt, jedoch gut erkennbar ist. Am besten ist
die Untersuchung im Morgenharn, wobei 2 von 3 Untersuchungen
positiv sein müssen, um den Nachweis des Vorliegens einer
Mikroalbuminurie zu führen.
Die Früherkennung ist deshalb so wichtig, weil in diesem
Stadium noch kein irreversibler Nierenfunktionsverlust aufgetreten
ist, andererseits jedoch damit der Nachweis geführt ist,
dass ein enorm hohes Risiko eines späteren Nierenfunktionsverlusts
vorliegt.
Was kann
getan werden?
Ohne Blutzuckererhöhung (Hyperglykämie) gibt es
keine diabetische Nierenschädigung. Es leuchtet also
ein, dass die optimale Blutzuckereinstellung die wichtigste
Maßnahme im Frühstadium der Nierenbeteiligung ist.
Selbst wenn eine fortgeschrittene Nierenbeteiligung vorliegt,
ist das Bemühen um optimale Blutzuckereinstellung immer
noch lohnend. Zusätzlich muss der Blutdruck auf Werte
abgesenkt werden, die weit unterhalb der Zielvorgaben liegen,
die noch vor einigen Jahren für ausreichend gehalten
wurden. Die Information, dass derart niedere Blutdruckwerte
für die Erhaltung der Nierenfunktion des Diabetikers
notwendig sind, hat sich noch nicht generell verbreitete und
es ist wichtig, dass der diabetische Patient versteht, aus
welchem Grund derartige intensive Blutdrucksenkung durchgeführt
wird. Die Fachgesellschaften empfehlen einen Blutdruck von
etwa 120/70 mmHg. Derartige Blutdruckwerte können nur
durch gute Mitarbeit und der Blutdruckselbstmessung des Patienten,
ggf. ergänzt durch gelegentliche ambulante 24-Stunden-Blutdruckmessung,
sicher erreicht werden. Der Patient muss hinreichend informiert
sein, welche Maßnahmen im Falle eines zu starken Blutdruckabfalls
zu ergreifen sind.
Die Nierenschädigung wird in erster Linie
durch ein in der Niere gebildetes Hormon Angiotensin II ausgelöst
und unterhalten. Die medikamentöse Blockade der Angiotensin
II-Wirkung ist daher von besonderer Wichtigkeit, um die Niere
zu schützen (Nephroprotektion). Dies lässt sich
erzielen durch Medikamente, welche entweder die Bildung vermindern
(ACE-Hemmer) oder die Wirkung verhindern (Angiotensin-Rezeptoren-Blocker).
Wann
sind derartige Mittel optimal dosiert?
Wir haben in den letzten Jahren gelernt, das nicht allein
das Erreichen des optimalen Blutdrucks (s.o.), sondern auch
die Verminderung der Urin-Eiweiß-Ausscheidung (Albumin-
bzw. Proteinurie) für den Schutz der Niere wichtig ist.
Falls daher unter Blutdrucksenkung und Erreichen des Zielblutdrucks
die Proteinurie nicht ausreichend absinkt, sollte die Dosis
noch weiter gesteigert werden.
Welche
Faktoren bestimmen den Erfolg im Vorfeld und während
der Dialysebehandlung des Diabetikers?
Überall auf der Welt sind die Behandlungserfolge des
Diabetikers mit Nierenversagen an der Dialyse schlechter als
die des Nicht-Diabetikers mit Nierenversagen. Dies ist weniger
ausgeprägt der Fall in Asien, speziell in Japan, aber
ganz besonders ausgeprägt in den USA und in Deutschland.
Der Grund liegt darin, dass der kardiale Tod (Herzinfarkt,
Koronare Herzkrankheit, Herzversagen) in Ostasien sehr viel
seltener vorkommt als in der westlichen Welt. Hauptfeind ist
die Koronare Herzkrankheit.
Wenn der Diabetiker die Dialysebehandlung beginnt, liegt schon
in einer großen Zahl die koronare Herzkrankheit vor.
Es ist daher die Hauptaufgabe, durch gute Behandlung bei beginnender
Nierenerkrankung - noch lange vor der Dialyse - das Risiko
der Herzerkrankung möglichst minimal zu halten. Dies
umfasst folgende Maßnahmen: optimale Blutdruckeinstellung,
Gabe von ACE-Hemmern bzw. Angiotensin-Rezeptoren-Blockern,
gute Blutzuckereinstellung und aufgrund der neuen Untersuchungsergebnisse
die Gabe von Lipidsenkern. Das Risiko für das Herz kann
durch das sogenannte LDL-Cholesterin vorhergesagt werden.
Dieser Wert sollte beim Diabetiker unter 100 mg/dl liegen.
Ein weitere Grund für die schlechteren Dialyseergebnisse
sind Probleme des Gefäßzugangs (sogenannte arteriovenöse
Fistel). Diese sollte beim Diabetiker rechtzeitig angelegt
werden und es ist daher notwendig, dass Diabetiker rechtzeitig
vom Nierenfacharzt (Nephrologen) gesehen werden. Der Nephrologe
sollte Teil des für den Diabetiker verantwortlichen Behandlungs-Teams
unter Leitung des Hausarztes sein.
Es gibt noch eine Reihe weiterer Maßnahmen, die die
Behandlungsergebnisse verbessern, möglicherweise die
Gabe von Aspirin, Kontrolle der hohen Phosphatspiegel im Blut
- all dies sollte jedoch durch den behandelnden Spezialisten
entschieden werden.
Welche
Rolle spielt die Anämie?
Eine Anämie (Abfall der Anzahl roter Blutkörperchen)
tritt im Verlauf der chronischen Nierenerkrankung viel früher
als bisher angenommen auf.
Bei gesunden Menschen stimuliert Erythropoietin (EPO), ein
in den Nieren gebildetes Hormon, die Bildung von roten Blutkörperchen.
Aber unter bestimmten Bedingungen, wie z.B. der diabetischen
Nephropathie, ist die Produktion von Erythropoietin gehemmt
oder dessen Wirkung beeinträchtigt. Dies resultiert in
einer unzureichenden Anzahl roter Blutkörperchen, gefolgt
von einem niedrigen Hämoglobin (Hb)-Wert und einer Anämie.
Eine verzögerte Diagnose und Behandlung der Anämie
bei chronischer Nierenerkrankung erhöht das Risiko von
Herz-Kreislauferkrankungen, wie z.B. Koronare Herzkrankheit,
linksventrikuläre Veränderungen am Herzen und Herzversagen,
die häufig Todesursachen niereninsuffizienter Patienten
darstellen .
Es konnte gezeigt werden, dass Diabetespatienten bereits mit
geringgradiger Einschränkung der Nierenfunktion deutlich
niedrigere körpereigene EPO-Spiegel aufweisen als Patienten
ohne Diabetes. Die Produktion von EPO wird auch durch das
autonome Nervensystem gesteuert, welches bei Diabetespatienten
mit typischen Nervenschäden (Neuropathie) oftmals geschädigt
ist.
Heute weiß man, dass die frühe Korrektur der Anämie
mit rekombinantem, humanidentischen Erythropoietin zu positiven
Langzeiteffekten insbesondere in der Reduktion und dem verzögerten
Beginn von Herz-Kreislauf-Erkrankungen führt und dass
auch die Wahrscheinlichkeit besteht, weniger Krankenhausaufenthalte
zu haben. Besonders geeignet für den anämischen
Diabetes-Patienten sind dabei Therapiesysteme, die der Flexibilität
des Diabetes-Patienten, beispielsweise durch Selbstapplikation
mit einem Pen, gerecht werden.
Welche
Behandlungsoptionen hat der Diabetiker im Endstadium der Niereninsuffizienz?
In der Regel sollte der Behandlungsbeginn für die Dialyse
beim Diabetiker früher erfolgen als beim Nicht-Diabetiker,
d.h. in einem Moment, wo die Nierenfunktion noch besser ist.
Es ist absolut falsch, die Dialysebehandlung hinauszuschieben,
da noch ein für das Leben erträglicher Zustand besteht.
Wie im Marathonlauf treten auch in der Niereninsuffizienz
die meisten Komplikationen auf den letzten Kilometern des
Laufes auf.
Im Prinzip hat der niereninsuffiziente Diabetiker (ähnlich wie Nicht-Diabetiker) drei Optionen:
- 1. Blutwäsche (Hämodialyse)
- 2. Bauchdialyse (CAPD)
- 3. Transplantation
Die Behandlungsergebnisse der Hämodialyse
und der CAPD sind vergleichbar gut, zumindest solange noch
eine gewisse Restausscheidung an Urin über die Niere
vorliegt.
Es besteht unter Fachleuten Übereinstimmung, dass die
beste Option für den Diabetiker, zumindest den Typ 1-Diabetiker,
die Nierentransplantation darstellt, wenn keine schwere Veränderungen
der Herzkranzgefäße vorliegen. Darüber hinaus
besteht heute ebenfalls Übereinstimmung, dass für
den Typ 1-Diabetiker die kombinierte Pankreas-Nierentransplantation
noch besser ist. Die Behandlungsergebnisse waren in der Vergangenheit
nicht befriedigend, sind jedoch in guten Zentren heute so,
dass dies als das Verfahren der Wahl bei gegebenen Voraussetzungen
empfohlen werden soll.
Beim Typ 2-Diabetiker sind sehr häufig die Herzkranzgefäße
in einer Weise verändert, welche eine Transplantation
verbietet. Liegt dies nicht vor, sind allerdings die Ergebnisse
der Nierentransplantation erstaunlich gut und nur wenig schlechter
als die beim Nicht-Diabetiker. Da das Angebot von Nieren zur
Transplantation in Deutschland derzeit unbefriedigend ist,
ist allerdings die Zahl der transplantieren Typ 2-Diabetiker
sehr gering.
Prof. Dr.Dr.h.c.mult. Eberhard Ritz
Medizinische Universitätsklinik Heidelberg
Sektion Nephrologie
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