Moderne Therapien
Seit Jahren arbeiten Forscher intensiv an der Entwicklung moderner Behandlungsmöglichkeiten, die das Leben von Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs verlängern. Besonderes Interesse galt dabei Medikamenten, die gezielt bestimmte Wachstums- und Stoffwechselvorgänge in der Tumorzelle blockieren. Moderne Medikamente sollen außerdem möglichst wenige Nebenwirkungen haben und die Lebensqualität für die Patienten erhalten oder sogar steigern.
Heute weiß man, dass Mutationen an bestimmten Genen sowie Störungen in der Informationsübertragung von Zelle zu Zelle dazu führen, dass sich normale Zellen zu bösartigen Tumorzellen entwickeln. Krebszellen entstehen und wachsen außerdem mithilfe von Wachstumsfaktoren und deren Andockstellen (Rezeptoren) an der Tumorzelle. An diesen Mechanismen setzen die modernen Wirkstoffe an.
Erfolge in der Behandlung zeigen insbesondere Wirkstoffe, die gegen die Rezeptoren der Wachstumsfaktoren der Tumorzellen gerichtet sind. Während sich beispielweise eine Chemotherapie relativ unspezifisch gegen alle Körperzellen richtet, wirken im Gegensatz dazu spezifische Wachstumshemmer vor allem an den Tumorzellen selbst. Um sich zu entwickeln, senden Tumorzellen über Rezeptoren auf der Zellwand Signale an den Zellkern im Innern der Zelle. Daraufhin vergrößern und teilen sich die Zellen, der Tumor wächst und bildet Metastasen. An diesen Rezeptoren übernimmt das Enzym Tyrosinkinase eine zentrale Funktion, um die Signale in die Zelle weiterzuleiten. So genannte Tyrosinkinasehemmer setzen gezielt hier an und stoppen die Weiterleitung der Signale. Dadurch wird das Tumorwachstum und die Bildung von Metastasen gebremst. Außerdem werden die Tumorzellen empfindlicher für die Behandlung mit Chemotherapie.
Krebszellen können ihr Wachstum selbst anregen und beschleunigen. Sie produzieren mehr Wachstumsrezeptoren auf der Zellmembran als gesunde Zellen und stellen gleichzeitig die notwendigen Wachstumsfaktoren her, die die Zellteilung und somit das Wachstum des Tumors stimulieren. Auf diese Weise entziehen sie sich der übergeordneten Kontrolle des Organismus. Sobald die Wachstumsfaktoren an den Rezeptor andocken, erhält die Zelle den Befehl, sich zu teilen.
Durch den zielgerichtet wirkenden Wachstumshemmer werden die Enzyme gehindert, Signale innerhalb der Zelle weiterzuleiten. Konkret bedeutet das für die Tumorzelle:
- Sie hört auf, sich weiter zu teilen und auszubreiten.
- Sie kann sich nach der Chemotherapie oder Bestrahlung kaum oder überhaupt nicht mehr erholen. Die Kombinationstherapie erhöht also die Chance, dass die Tumorzelle ganz abstirbt.
- Sie ist in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt und verliert zunehmend die Fähigkeit, in benachbartes Gewebe einzudringen. Die Bildung von Tochtergeschwulsten (Metastasen) wird vermindert.
- Der sogenannte programmierte Zelltod (Apoptose) wird gefördert und die Tumorzelle stirbt ab.
In einer großen weltweit durchgeführten Studie bei Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs, der bereits Absiedlungen (Metastasen) gebildet hat, konnte durch die Gabe des Wachstumshemmers in Kombination mit einem bestimmten Chemotherapeutikum bei einem Teil der Patienten die Erkrankung zum Stillstand gebracht und die Symptome verbessert werden. Daher wurde die Kombination beider Wirkstoffe 2007 für die Behandlung des fortgeschrittenen Bauchspeicheldrüsenkrebses zugelassen und ist heute eine Standardtherapie. Der Wachstumshemmer wird als Tablette einmal täglich eingenommen.
Eine häufige Nebenwirkung des Wachstumshemmers ist das Auftreten eines Hautausschlages, auch Rash genannt. Das Auftreten des Ausschlags ist ein positives Zeichen, denn es besagt, dass das Medikament gut wirkt. Neuere Studien haben klar aufgezeigt, dass Patienten mit Rash einen Überlebensvorteil gegenüber Patienten ohne Rash haben.
Der Ausschlag tritt bei den meisten Patienten in leichter bis mittelschwerer Form als rötliche Pusteln auf, bildet sich in der Regel aber nach ein bis zwei Wochen zurück. Meist hilft die intensive und regelmäßige Pflege der Haut, vor allem an Händen und Füßen mit milden Produkten. Sobald ein stärkerer Ausschlag auftritt, lässt er sich mit cortison- oder antibiotika-haltigen Cremes behandeln und lindern. Bevor Sie aber selbst „zur Creme greifen“, sollten Sie Ihren behandelnden Arzt oder einen mit dieser Nebenwirkung vertrauten Dermatologen ansprechen.
Eine weiterer Effekt der Therapie mit Wachstumshemmern ist Durchfall und eine damit einhergehende Gewichtsabnahme. Leichten Formen kann man mit einer Nahrungsumstellung und ausreichendem Trinken begegnen. Schwerere Fälle lassen sich mit entsprechenden Medikamenten behandeln, die Ihnen ihr Arzt verschreibt.
Die Kombinationstherapie von Chemotherapeutikum und Wachstumshemmer führt bei manchen Patienten zu einer körperlichen Erschöpfung, der so genannten Fatigue. Typische Merkmale sind eine anhaltende Schwäche und Abgeschlagenheit trotz ausreichender Schlafphasen, eine Überforderung bereits bei geringen Belastungen und eine deutliche Aktivitätsabnahme im privaten und beruflichen Umfeld. Hier hat der behandelnde Arzt verschiedene Möglichkeiten, je nach Stärke und Ausprägung der Fatigue, begleitende Medikamente zu verschreiben und gegebenenfalls eine unterstützende Ernährungs- und/oder Bewegungstherapie zu empfehlen. Auch eine psycho-onkologische Begleitung kann eine Option für Patienten sein, mit den Begleiterscheinungen der Krebserkrankung- und therapie besser umzugehen.
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