Krebsmedizin - quo vadis

Krebsmedizin in Deutschland -

quo vadis?

Prof. Dr. Hagen Pfundner

Die Fortschritte in der Krebstherapie in den vergangenen Jahren waren so groß, dass führende Onkologen bereits von einem großen Ziel - der Vision Zero - für die Krebsmedizin sprechen.

Wir haben Prof. Dr. Hagen Pfundner, Vorstand der Roche Pharma AG, zum  aktuellen Stand der Krebstherapie in Deutschland und den Zielen für die Zukunft gefragt.


Wie beurteilen Sie den Stand der Krebstherapie in Deutschland?

Pfundner: Im internationalen Vergleich ist die Versorgungsqualität von Krebspatienten in Deutschland auf einem sehr hohen Niveau. Insbesondere universitäre onkologische Spitzenzentren bieten Patienten Behandlungsmöglichkeiten auf dem neusten Stand der Forschung. Und wir haben viel erreicht: Durch enorme Anstrengungen in Prävention und Früherkennung sowie entscheidenden Durchbrüchen in Diagnostik und Therapie, trotzen wir der Erkrankung Leben um Leben und Monat um Monat Überlebenszeit ab. Die Sterblichkeit sinkt, die Heilungschancen steigen. Viele Patienten leben länger und besser. Aber wir dürfen uns auf diesen Erfolgen nicht ausruhen - noch immer stirbt in Deutschland jeder Vierte an Krebs. 

Was verstehen Sie unter Vision Zero in der Krebsmedizin?

Pfundner: Die Vision Zero ist für uns ein Auftrag: Zukünftig soll kein Mensch mehr an Krebs sterben. Vor einigen Jahren hätten wir es uns nicht einmal getraut, dieses Ziel laut auszusprechen, weil es so unwahrscheinlich, so unrealistisch schien. Aber heute wissen wir: Das, was wir unter großen Mühen beispielsweise bei einigen Infektionskrankheiten geschafft haben, das können wir auch bei Krebs erreichen. Heilung, oder zumindest ein chronischer Krankheitsverlauf. Die Frage ist: Was ist uns als Gesellschaft dieses Ziel wert? Finden wir den gemeinsamen Konsens und den nötigen Mut und Willen, um dieses Ziel zu erreichen?

Was braucht es, um die Vision Zero zu erreichen?

Pfundner: Entscheidend ist die Zusammenarbeit derer, die am derzeitigen Innovationsprozess teilnehmen. Das sind zum Beispiel Kostenträger, Krankenhäuser, die verschiedenen Facharztgruppen, der Gesetzgeber und wir als forschende Unternehmen der industriellen Gesundheitswirtschaft. Denn nicht nur unser Verständnis von Krebs verändert sich, sondern auch die Art wie wir Arzneimittel entwickeln, zulassen und letztlich zum Patienten bringen. Digitale Technologien spielen dabei eine immer wichtigere Rolle. Sie können uns helfen, schneller und effektiver zu forschen und zu behandeln. Bislang schöpfen wir diese Möglichkeiten kaum aus. Das muss sich ändern. Wir müssen wandelbarer werden – damit meine ich das gesamte Gesundheitssystem, auch uns als Unternehmen. Gemeinsam müssen wir dafür sorgen, dass Deutschland ein innovationsfreundliches Umfeld und Forschungsstandort bleibt – auch bei der Digitalisierung. Dann findet hier auch zukünftig die Wertschöpfung statt und wir müssen die Innovationen nicht teuer einkaufen.

Auszug aus: "Zukunft der Krebsmedizin", Verlagsspecial Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. Sep. 2018. Das Interview führte Anna Seidinger.
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