Versorgung von Krebspatienten in Deutschland

David Traub 

Mitte Oktober kommen in München mehr als 15.000 Forscherinnen und Forscher aus der ganzen Welt zusammen, um auf dem Kongress der European Society for Medical Oncology (ESMO) über neueste Ergebnisse der Krebsforschung zu diskutieren. In diesem Jahr hat der Vorstand der ESMO es sich zur Aufgabe gemacht, den Zugang zu bester Krebsversorgung für Patienten in den Mittelpunkt des Kongresses zu rücken. Aus diesem Anlass haben wir mit Dr. David Traub, Leiter des Bereichs Market Access bei der Roche Pharma AG, ein Gespräch über die Versorgung von Krebspatienten in Deutschland geführt.


Herr Traub, der diesjährige Kongress der ESMO steht unter dem Motto „Securing access to optimal cancer care“. Wie bewerten Sie die aktuelle Versorgung von Krebspatienten in Deutschland?

Grundsätzlich können wir mit der Patientenversorgung zufrieden sein. Patienten profitieren in Deutschland in der Regel unmittelbar nach Zulassung von neuen, innovativen Medikamenten. Die sektorübergreifende Struktur mit stationären und ambulanten Institutionen erlauben eine auch im internationalen Vergleich hochwertige Versorgung in der Onkologie.

Auf dieser Basis konnten wir in den letzten Jahren sehr viel für Krebspatienten erreichen. Bei vielen Tumorarten hat sich die Prognose durch Therapiedurchbrüche deutlich verbessert: Patienten überleben länger, zielgerichtete Medikamente ermöglichen besser verträgliche Behandlungen, und in einigen Bereichen wurden die Heilungschancen erhöht. 1975 lebte weniger als die Hälfte aller Krebspatienten fünf Jahre nach ihrer Diagnose, heute sind es noch zwei Drittel, bei einigen sprechen wir sogar von Heilung.1

Dabei sind wir aber noch lange nicht am Ziel. Jährlich erkranken in Deutschland etwa 500.000 Menschen an Krebs – Tendenz steigend – und jeder Vierte stirbt an seiner Tumorerkrankung.2,3 Neue Ansätze, zum Beispiel im Bereich der Personalisierten Medizin und der Krebsimmuntherapie, machen Patienten zurecht Hoffnung. Denn die sinnvolle Integration von Health-IT in die Forschung und das immer tiefere Verständnis der Tumorbiologie eröffnen neue Möglichkeiten: Unsere Vision ist, dass Patienten hierdurch künftig noch weitaus individueller, zielgerichteter und effektiver behandelt werden können.

Der ESMO 2018 zeigt auch: Die Krebsforschung verändert sich. Ein aktueller Trend in der Forschung und Versorgung ist die Nutzung von Real World Data. Inwiefern lässt sich dieses Konzept in die Versorgungsstruktur in Deutschland etablieren?

Die aktuelle Begeisterung um Big Data und Real World Data (RWD) hat durchaus seine Berechtigung – denn momentan beziehen wir unsere Informationen zu aktuellen Behandlungsstrategien vor allem aus klinischen Studien. Daten aus dem Versorgungsalltag können diese Erkenntnisse sinnvoll ergänzen: Aus der Kombination von RWD und Studienergebnissen erhoffen wir uns noch präzisere Aufschlüsse darüber, wann ein Medikament bei einem Patienten wirkt und wann nicht.

Um Patienten also noch individueller und gezielter zu behandeln, ist die Nutzung von RWD von unschätzbarem Wert. Mit der bundesweiten, flächendeckenden Einführung klinischer Krebsregister und dem Vorantreiben der elektronischen Patientenakte sind erste Schritte für eine effektive Nutzung und Integration von RWD in Deutschland gemacht. Insgesamt haben wir in Deutschland aber noch einen weiten Weg vor uns, bis Patienten von den Neuerungen profitieren.

Bei Roche wollen wir Teil der Lösung sein und nutzen RWD vor allem bei der Erforschung und Entwicklung von Medikamenten. Mit Hilfe umfassender Datenauswertungen können wir Medikamente schneller entwickeln: So können Patienten zügig innovative Therapien erhalten, die noch gezielter bei ihrer jeweiligen Krebserkrankung wirken.

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) steht der Nutzung von RWD für Zulassungsverfahren kritisch gegenüber. Auch neue Studiendesigns wie Basket- und Umbrella-Studien kritisiert das IQWiG aufgrund möglicher Störfaktoren. Wie lange lässt sich Ihrer Meinung nach am Goldstandard randomised controlled trial (RCT) in der modernen Onkologie festhalten?

Die oberste Priorität in der Erforschung neuer Medikamente ist die Sicherheit des Patienten, gepaart mit der Wirksamkeit der Substanz. Lange konnten wir dazu in der Onkologie auf großangelegte randomisierte, kontrollierte Studien, sogenannte RCTs, zurückgreifen.

Mit den zuvor bereits erwähnten Fortschritten in der Onkologie hat sich diese Ausgangslage verändert. Unser Wissen um die molekularen, genetischen und immunologischen Grundlagen der Tumorentstehung wächst rapide – und wir nutzen dieses Wissen zur Entwicklung von Therapien, welche gezielt und präzise bei diesen Mechanismen ansetzen. Das bedeutet auch, dass wir mittlerweile Krebsarten behandeln können, die so selten vorkommen, dass in Deutschland gerade einmal 200 Patienten  davon betroffen sind.4 Hier stoßen die traditionellen Methoden klinischer Entwicklung an Grenzen: Es ist praktisch unmöglich, die Wirksamkeit und Sicherheit eines Medikamentes für Patienten mit derart seltenen Krebsarten in einer RCT abzubilden. Um dieser Herausforderung zu begegnen, bedarf es neuer Studiendesigns und innovativer Konzepte – und Real World Data ist dabei aus unserer Sicht ein wichtiges Element.

Wie kann so eine Weiterentwicklung aussehen?

Ist die Patientenpopulation beispielsweise sehr klein, wie bei den zuvor erwähnten 200 Patienten, können wir mit Hilfe von Real World Data einen Vergleichsarm auf Basis historischer Daten schaffen – also Daten, die wir zuvor in der klinischen Praxis sammeln konnten. Mit Hilfe dieser Informationen können wir nicht nur das Sicherheitsprofil eines Medikamentes detaillierter darstellen, sondern auch dessen Wirksamkeit mit der Standardtherapie vergleichen.

Dennoch kann ich die geäußerte Skepsis zu gewissen Teilen nachvollziehen. Wollen wir personalisiert behandeln, verändern, wie wir forschen und zulassen, das „Phase 0 bis IV-Konzept“ hinterfragen, RWD in Vergleichsarme integrieren oder bei der Nutzenbewertung anführen? Dann müssen pharmazeutische Unternehmen glaubhaft machen, dass neue Methoden und Konzepte funktionieren und valide Ergebnisse erzeugen. Roche trägt durch umfangreiche Studien dazu bei. In der CUPISCO-Studie mit fast 800 Patienten wird dazu beispielweise untersucht, ob durch umfassende Tumorprofile mit FoundationOne® und FoundationOne LiquidTM gestützte, personalisierte Therapieentscheidungen die Behandlungsergebnisse beim CUP-Syndrom (carcinoma of unknown primary, CUP) verbessert.

Zum Abschluss ein Blick in die Zukunft: Wie wird die Behandlung von Krebspatienten in den kommenden fünf bis zehn Jahren aussehen?

Unsere Vision ist es, dass mittel- und langfristig die meisten Krebsarten nachhaltig behandelbar, in vielen Fällen auch heilbar werden. Eine vernetzte, digitalisierte und personalisierte Medizin ist dafür eine Grundvoraussetzung. Denn ohne die umfassende Nutzung von Daten zur Prävention, Früherkennung, zielgerichteten Therapie und Verlaufskontrolle sowie deren Integration mit weiteren Datenquellen ist dieses Ziel nicht zu erreichen. Zugleich helfen uns diese Daten dabei, neue prognostische Marker und Zielstrukturen zu finden, neue Wirkstoffe effektiver zu erforschen und diese schneller zum Patienten zu bringen.

Dazu braucht es den Willen zur Zusammenarbeit aller Beteiligter: von Pharmaunternehmen, Ärzten, Patienten, Kostenträgern und Gesetzgeber. Es braucht die Erkenntnis, dass wir im Kampf gegen Krebs dasselbe Ziel verfolgen und den gemeinsamen Willen, dieser Herausforderung mit allen Mitteln entgegenzutreten.

Referenzen

  1. National Institute of Health, Surveillance, Epidemiology, and End Results Program (SEER). SEER Cancer Statistics Review 1975-2014. https://seer.cancer.gov/archive/csr/1975_2014/results_merged/topic_survival.pdf; abgerufen am 16.10.2018
  2. Bray F et al. CA Cancer J Clin. 2018 Sep 12
  3. Robert Koch Institut. Bericht zum Krebsgeschehen in Deutschland 2016.
    https://edoc.rki.de/bitstream/handle/176904/3264/28oaKVmif0wDk.pdf?sequence=1&isAllowed=y; abgerufen am 16.10.2018
  4. Orphanet Berichtsreihe. Prävalenzen und Inzidenzen seltener Krankheiten: Bibliographische Angaben. Nummer 2, Juni 2018. https://www.orpha.net/orphacom/cahiers/docs/DE/Pravalenzen_seltener_Krankheiten_absteigender_Pravalenz_oder_Falle.pdf; abgerufen am 16.10.2018