HER2

„Ein besonderer Weg“

Mit Durchhaltevermögen zum nächsten Durchbruch bei HER2-positivem Brustkrebs

Krebs ist eine Erkrankung der Gene – diese Erkenntnis setzte sich Mitte der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zunehmend durch. Und diese Erkenntnis führte zu einem Umdenken: Die Forschung konzentrierte sich nun immer stärker auf die Entwicklung zielgerichteter Therapien mit maßgeschneiderten Substanzen. So auch bei Brustkrebs. Denn man hatte erkannt, dass ein spezielles Protein, der Wachstumsfaktorrezeptor HER2, bei etwa 15-20 Prozent der Brustkrebspatientinnen eine entscheidende Rolle bei der Entstehung und dem Fortschreiten der Erkrankung spielt.

Ab Mitte der 80er Jahre begannen Wissenschaftler in den Laboren von Roche und Genentech mit der Erforschung von Antikörpern, die den HER2-Rezeptor gezielt blockieren sollten. Zehn Prüfsubstanzen erwiesen sich als besonders interessant. Doch nur einer dieser Antikörper wurde ausgewählt und weiterentwickelt. Gut ein Jahrzehnt später wurde er als erste zielgerichtete Therapie für Frauen mit HER2-positivem Brustkrebs zugelassen.



Max Hasmann

Was damals niemand ahnen konnte: Einer der ursprünglich aussortierten Antikörper, ein sogenannter HER2-Dimerisierungs-Inhibitor, sollte Jahre später ein Comeback feiern und für den nächsten großen Durchbruch in der Behandlung von Frauen mit HER2-positivem Brustkrebs sorgen. Dass es so weit gekommen ist und die Therapie heute Tausenden von Frauen die Chance auf ein besseres Leben bietet, ist dem Mut und dem Durchhaltevermögen einzelner Wissenschaftler zu verdanken. Einer, der den Weg des aussortierten HER2-Dimerisierungs-Inhibitors von der frühen Forschung an entscheidend begleitet hat, ist Max Hasmann, Forscher am Roche-Standort im bayerischen Penzberg. Hier verrät er, was ihn nach dem Scheitern aufrichtete und wie nahe Forscher manchmal den Patienten kommen.

Lieber Dr. Hasmann, wie kam es dazu, dass der HER2-Dimerisierungs-Inhibitor nicht endgültig in der Versenkung verschwand?

Dass der HER2-Dimerisierungs-Inhibitor überhaupt wieder ein Thema wurde, verdanken wir der kontinuierlichen Grundlagenforschung. Denn wir erkannten, dass die Substanz ganz anders wirkte als jener Antikörper, der weiterentwickelt wurde. Während die eine Substanz die HER2-Signalwege blockierte, verhinderte der HER2-Dimerisierungs-Inhibitor die Verbindung des HER2-Rezeptors mit anderen HER-Rezeptoren. Und wir ahnten damals, dass diese sogenannte Dimerisierung ebenfalls eine essenzielle Rolle beim Tumorwachstum spielen könnte.

Wie ging es dann weiter?

Der HER2-Dimerisierungs-Inhibitor wurde im Rahmen klinischer Studien weiter untersucht. Insgesamt liefen fünf Phase-II-Studien bei vier unterschiedlichen Krebserkrankungen. Und jede dieser Studien war negativ, es gab keinen Behandlungserfolg. Uns war klar, was das bedeuten würde. Unsere Partner bei Genentech beendeten damals auch die Zusammenarbeit – und sie hatten wahrlich gute Gründe dafür.

Und trotzdem ging es weiter …

Dass es zu diesem Zeitpunkt nicht um den HER2-Dimerisierungs-Inhibitor geschehen war, verdanken wir dem Einsatz des Entwicklungsteams von Roche im bayerischen Penzberg. In präklinischen Experimenten hatten wir damals den HER2-Dimerisierungs-Inhibitor mit dem anderen Antikörper kombiniert. Und einen solchen Effekt hatten wir vorher noch nie gesehen: Durch die Kombination der beiden Antikörper verschwanden die Krebszellen plötzlich. Für uns stand damals fest: Die Kombination der beiden Antikörper muss unbedingt weiter erforscht werden.

Waren alle davon überzeugt?

Nein, dieser Auffassung waren längst nicht alle. Einige glaubten, dass die Dimerisierung nur eine untergeordnete Rolle spielen würde – andere zweifelten grundsätzlich an dem Konzept, zwei zielgerichtete Substanzen auf die gleiche Zielstruktur anzusetzen. Heute können wir Roche nur dankbar sein, dass wir trotzdem die Chance zu einer letzten Studie bekamen.

Was war das für eine Studie?

Behandelt wurden Frauen mit weit fortgeschrittenem HER2-positivem Brustkrebs, deren Erkrankung unter einer Behandlung mit unserem anderen Antikörper weiter fortgeschritten war. Wir sollten nun den HER2-Dimerisierungs-Inhibitor als zweite Substanz dazugeben. Ich selbst war skeptisch: Könnte eine alleinige Antikörper-Kombination ohne zusätzlicher Chemotherapie bei einer derart weit fortgeschrittenen Erkrankung überhaupt noch einen entscheidenden Einfluss haben?

Und die Studie war positiv?

Und wie. Bei zahlreichen Patientinnen ging die Krebserkrankung zurück und stabilisierte sich über mehrere Monate – einige Patientinnen gingen sogar in Komplettremission, das heißt der Tumor war praktisch nicht mehr nachweisbar. Dies war der Beweis, den wir brauchten. Und dann ging es relativ schnell: Es folgte die Zulassungsstudie, die ebenfalls positiv war. Heute ist die Kombination der beiden Antikörper in allen Behandlungssituationen zugelassen – sowohl für Frauen mit frühem als auch bereits fortgeschrittenem HER2-positivem Brustkrebs.

Was bedeutet diese Zulassung für Sie persönlich?

Die Zulassung war natürlich etwas ganz Besonderes für mich. Im gewissen Sinne hat sie meinen gesamten Werdegang bestätigt. Und all die Leidenschaft, die ich dabei entwickelt habe. Ich liebe die Biologie und es fasziniert mich, wie all diese Vorgänge in einer Zelle funktionieren. Damals, als ich mein Studium begann, wusste ich ehrlich gesagt überhaupt nicht, was ich später einmal für einen Beruf ausüben würde. Heute kann ich als Biologe meine Forschung zur Anwendung bringen, Menschen wirklich helfen.



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