Zukunft der Onkologie

Mit Hightech und Daten zur individuellen Krebsmedizin

Martin Hager

Eine Krebsbehandlung, die auf Basis genetischer Informationen und leistungsstarker Algorithmen auf die individuellen Bedürfnisse eines jeden Patienten zugeschnitten ist. Das ist schon lange keine Utopie mehr. Mit dem Ineinandergreifen von modernster Diagnostik, hochpräzisen Arzneimitteln und intelligenten Informationstechnologien werden die Grundlagen für die Präzisionsmedizin von morgen schon heute gelegt.

Rund eine halbe Million Menschen erkranken allein in Deutschland jedes Jahr an Krebs. Und doch gibt es ihn eigentlich gar nicht, den einen Krebs. Vielmehr ist Krebs eine Erkrankung mit tausend Facetten, so einzigartig wie die Gene eines jeden Menschen. „Wir wissen heute, dass jeder Tumor ein individuelles genetisches Profil besitzt“, betont auch Dr. Martin Hager, Medizinischer Leiter im Bereich Personalisierte Medizin bei der Roche Pharma AG im südbadischen Grenzach. „Und wir übersetzen dieses Wissen zunehmend in Therapien, die präzise auf die individuelle Erkrankung von Patientinnen und Patienten zugeschnitten sind.“

Personalisierte Medizin wird zunehmend Realität

Bei einigen Krebserkrankungen, beispielsweise Brust- oder Lungenkrebs, sind personalisierte Arzneimittel, also Medikamente, die sich gezielt gegen einzelne genetische Mutationen richten, bereits etabliert. „Aber das ist nur der Anfang“, so Hager. „Eine hochpräzise, personalisierte Gesundheitsversorgung wird in Zukunft für immer mehr Patientinnen und Patienten mit Krebs möglich sein. Schon heute sprechen wir von Medikamenten, die so spezifisch wirken, dass nur wenige Hundert Patientinnen und Patienten überhaupt für eine Behandlung in Frage kommen – und dies zum Teil unabhängig davon, in welchem Organ der Krebs auftritt. Und schon bald werden wir von Therapien sprechen, die individuell für die einzelne Patientin und den einzelnen Patienten hergestellt werden.“

Individuelles Tumorprofil als Schlüssel

Voraussetzung für den Einsatz personalisierter Krebstherapien ist die molekulargenetische Testung des Tumors – denn nur so lassen sich die Patientinnen und Patienten identifizieren, die für eine personalisierte Behandlung in Frage kommen. „Mittels modernster Analyseverfahren können wir heute innerhalb kürzester Zeit von jedem Tumor ein individuelles Profil erstellen“, erklärt Hager. „Wir haben dann sozusagen den Fingerabdruck der Krebserkrankung.“ So bietet beispielsweise Roche zusammen mit dem Unternehmen Foundation Medicine einen Service an, der in einer einzigen Tumorprobe eine Vielzahl therapierelevanter Genveränderungen parallel untersuchen kann. Dafür ist heute nicht einmal mehr unbedingt eine Gewebeprobe notwendig: Für eine sogenannte Liquid Biopsy oder Flüssigbiopsie werden nur wenige Milliliter Blut benötigt, die dann auf zirkulierende Tumor-DNA untersucht werden. „Für Patientinnen und Patienten kann das von Vorteil sein, da kein chirurgischer Eingriff mehr nötig ist“, betont Hager. „Gleichzeitig lässt sich mittels Liquid Biopsy aber auch vergleichsweise einfach beobachten, wie sich der Tumor im Verlauf der Behandlung verändert. Im Idealfall kann darauf mit einer angepassten Therapie reagiert werden – in jedem Fall liefern diese Daten wichtige Informationen für weitere Forschung und künftige Therapien.“

Versorgungsdaten als Schlüssel für den Fortschritt

Welchen zentralen Stellenwert Daten aus der Versorgung für den weiteren Fortschritt in der Krebsmedizin haben, weiß auch Dr. Susanne Schach, Leiterin des Bereichs für Real World Data bei der Roche Pharma AG. „Jedes Tumorprofil, jeder einzelne Datensatz aus der Versorgung ist ein neues Puzzleteilchen in unserem Bild von Krebs“, betont sie. „Aber wir müssen das Bild auch zusammensetzen. Denn erst die Vernetzung von vielen Tausend Datensätzen ermöglicht es, am Ende auch Muster zu erkennen, die für die medizinische Forschung, aber auch für individuelle Therapieentscheidungen genutzt werden können.“

Das Potential dieser Daten aus der klinischen Routineversorgung, der sogenannten Real World Data, ist enorm – gleichzeitig werden sie bislang jedoch kaum genutzt. So basiert der aktuelle Fortschritt in der Krebstherapie fast ausschließlich auf Informationen, die im Rahmen kontrollierter klinischer Studien gewonnen wurden. Das sind aber lediglich fünf Prozent der potentiell vorhandenen Daten. Die restlichen Daten werden täglich in der Versorgung von Patientinnen und Patienten generiert: Es sind beispielsweise Daten aus Laboruntersuchungen, aus der Radiologie, Pathologie und zur Behandlung – aber auch Informationen aus ärztlichen Notizen oder Gesundheits-Apps zählen dazu. „Das Wissen über Krebs, das in diesen Daten steckt, lässt sich kaum abschätzen“, so Schach. „Aber wir nutzen es bisher nicht ausreichend. Viele Daten aus der onkologischen Versorgung in Deutschland entsprechen nicht den qualitativen Ansprüchen, sie sind unstrukturiert und oft liegen sie sogar nur auf dem Papier vor. Es fehlt an Vernetzung und einer flächendeckenden digitalen Infrastruktur – und an einem rechtlichen Rahmen, der den Austausch von pseudonymisierten und anonymisierten Gesundheitsdaten zu wissenschaftlichen Zwecken unter Einschluss aller Beteiligten unterstützt. Das heißt auch unter Berücksichtigung der privatwirtschaftlichen Forschung, die ja überwiegend für die Entwicklung neuer Medikamente verantwortlich ist.“

Eine forschende Versorgung ist möglich

Dass dies möglich ist, zeigt ein Beispiel aus den USA: Dort hat Flatiron Health, ein strategischer Partner von Roche, innerhalb weniger Jahre in Kooperation mit Kliniken und Forschungseinrichtungen eine Plattform aufgebaut, die die Versorgungsdaten von mittlerweile mehr als zwei Millionen Krebspatienten strukturiert erfasst, miteinander vernetzt und somit für Forschung und Versorgung nutzbar macht. Die Daten können sowohl von Zulassungsbehörden, Kliniken, der Wissenschaft als auch von forschenden Gesundheitsunternehmen genutzt werden. „Das Beispiel zeigt uns, was längst möglich ist“, so Schach. „Wir haben heute die Technologien, um Versorgung und Forschung so eng zu vernetzen, dass wir mit jeder Behandlung neues Wissen für die Zukunft generieren könnten. Wir könnten so nicht nur den Fortschritt in der Forschung massiv beschleunigen - es wäre gleichzeitig ein großer Schritt in Richtung einer personalisierten Gesundheitsversorgung, die die individuellen Bedürfnisse eines jeden Patienten in den Mittelpunkt rückt.“

Dieser Text erschien ursprünglich am 16. Juni 2020 im FAZ-Verlagsspecial „Onkologie der Zukunft“