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Ohne Herkunft keine Zukunft

"Ohne Herkunft gibt es keine Zukunft"

Alexander Bieri, Chefkurator bei Roche

Wusstet Ihr, dass Roche in seiner Frühzeit auch Hormone produzierte und dafür in öffentlichen Toiletten in Basel Urin einsammelte? Der mit der Extraktion betraute Chemiker hieß schnell nur der „Seich-Meyer“. Oder warum in der Basler Zentrale die Kleiderbügel mit dem Firmennamen bedruckt sind? Nein, das hat nichts mit Corporate Identity zu tun. Der notorisch sparsame Ex-Boss Emil Barell wollte mit der Kennzeichnung Firmeneigentum in Nachkriegszeiten vor Diebstahl schützen, übrigens auch Glühbirnen. Barell ist längst nicht mehr, die Bügel mit dem Aufdruck dagegen gibt es immer noch.

Solche Geschichten gibt es dutzende, skurrile wie bewegende. Alexander Bieri kennt sie (fast) alle. Seit 2000 ist der 45-jährige Kommunikationsfachmann Leiter des Roche-Archivs in Basel und damit Herr über drei laufende Aktenkilometer, zwei Millionen Fotos und rund 3.000 Filme. Und über jede Menge historischer Objekte, Firmenprodukte, Verpackungen, Plakate, Maschinen, Möbel, Baupläne und sogar über komplette Laboratorien.

Manche Kuriosität ist darunter, etwa ein Kistchen mit Zigarren, eigens für Firmengründer Fritz Hoffmann. Der hatte privat in eine kubanische Tabakplantage investiert. In der Firma durfte die Belegschaft übrigens damals schon nicht rauchen. „Als Alleininhaber hat er sich das Recht zugestanden“, schmunzelt Alexander über das Patriarchen-Selbstverständnis.

„The Cost of Life“

In der Roche-Jubiläumsausstellung im Tinguely- Museum geht es um einen etwas anderen Blick auf den medizinischen Fortschritt und seine Risiken. Der britische Künstler Paddy Hartley setzt sich damit auseinander. Zu seinen künstlerischen Werkstoffen gehört auch die Keramik. Seit dem 15. Jahrhundert dienten glasierte Keramikgefäße Apothekern und Ärzten dazu, Salben, Sirup und andere Heilmittel aufzubewahren. Deshalb macht auch das Pharmazie- Museum in Basel mit.

Mehr dazu:

Museum Tinguely Pharmaziemuseum

Die Materialien und Dokumente geben Aufschluss über die Entwicklung des Unternehmens – und die Menschen, die es prägten und voranbrachten. Bieri nennt als Beispiel unter vielen Erika Böhni (1922 – 1999). Die promovierte Biologin war in den 1950ern und 1960ern maßgeblich an der Entwicklung des Antibiotikums Bactrim beteiligt. Roche erarbeitete das Kombinationspräparat zusammen mit einem Wettbewerber. Das allein war schon ungewöhnlich genug für die damalige Zeit. „Roche ging es immer um Lösungen, nicht um eine spezifische Technologie. Das lässt unkonventionelle Methoden leichter zu – ebenso wie Forscherpersönlichkeiten außerhalb des Mainstreams“, erläutert Alexander dazu.

Nicht nur die Kooperation, auch der Therapieansatz war strittig. Erika, ihrerzeit leitende Mikrobiologin, war als eine der wenigen überzeugt, dass die kombinierten Wirkstoffe effektiver seien. Darüber geriet sie mit ihrer Laborassistentin derart in Streit, dass sie sich prügelten; der Chef musste die Streithennen trennen. „Mit welcher Leidenschaft um Wissenschaft und neue Erkenntnisse gerungen wurde“, beeindruckt nicht nur den Hüter des Roche-Erbes. Erika sollte übrigens recht behalten: 1969 kam Bactrim auf den Markt.

Fülle von Menschen-Geschichten

„Man kann eine Firmenkultur nicht einfach kopieren. Man kann nicht sagen: Jetzt sind wir mal ein bisschen so wie Roche. Das geht nicht. Das muss schon organisch wachsen.“

- Alexander Bieri, Chefkurator bei Roche

Geschichte zum Anfassen

Erinnerungsstücke sind ungeheuer hilfreich beim Vermitteln der Unternehmensgeschichte, meint Alexander. Mittlerweile hat das Zentralarchiv für fast 40 Standorte kleine Ausstellungen konzipiert und mit realisiert, sogenannte „History Corners“. „Wir wollen in so vielen Filialen wie möglich Roche-Geschichte zugänglich und erfahrbar machen“, erläutert der umtriebige Kurator. Werte und Haltungen des Unternehmens sollen spürbar und begreifbar bleiben.

Gesammelt wird bei Roche seit den 1920ern. Mittlerweile kümmern sich drei Kuratoren im Zentralarchiv um das Roche-Erbe. Eine Erinnerungskultur sei für ein Pharmaunternehmen essenziell, ist Alexander überzeugt: „Ohne Herkunft gibt es keine Zukunft. Wenn wir neue Medikamente herausbringen, erstrecken sich die Forschungsprozesse teils über Jahrzehnte. Wer sich nicht erinnert, kann keine Wissenschaft betreiben.“

„Es waren Menschen, die Roche groß gemacht haben“, betont Alexander. Ihre Identifikation mit der Firma sei immer schon besonders gewesen. Ganze Familien-Generationen haben erfolgreich für die Basler gearbeitet. Prominentes Beispiel ist Pawel Romanowitsch Verch. Der Sohn des Roche-Vertreters in Moskau blieb der Firma auch nach Weltkrieg und Systemwechsel treu und wurde nach 1918 einer der wichtigsten Direktoren in Basel. Sein Sohn Lukas wiederum war später der Vitamin-Spezialist des Konzerns in Südafrika.

Die Autorin

Gabriele Koch-Weithofer

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