Das Labor in der Tasche – Digitale Selbstdiagnose zur Gestaltung der Zukunft

Artikel aus Diagnostik im Dialog (Ausgabe 58)

[Labormarkt] Die digitale Transformation verändert mittlerweile auch hochregulierte Regionen unseres Lebens, wie z. B. den medizinischen Bereich. Gefühlt sind beiden Welten unvereinbar – und doch wachsen sie gerade zusammen. Sie tun das, weil Patienten bzw. Konsumenten es so wollen. Sie tun das, weil Marktstrukturen sich verändern. Und sie tun das, weil Technologie es ermöglicht. Die Labordiagnostik ist für die digitale Transformation ein sehr attraktives Feld. Daten aus Apps und Wearables können den Untersucher unterstützen, schneller die richtige Diagnose zu stellen. Gesundheitspolitisch allerdings stecken digitale Anwendungen (z. B. Telemedizin) bei uns in den Kinderschuhen. Digitale Datenquellen sind nicht mit dem herrschenden Entgeltsystem vereinbar. Die Wegstrecke bis zu einem Umdenken der Entscheidungsträger ist vermutlich noch weit. Für Player, die im zukünftigen diagnostischen Markt eine Rolle spielen wollen, sollte dies jedoch kein Grund sein, abzuwarten. Denn Patienten und zunehmend (gesunde) Konsumenten erwarten auch im medizinischen Bereich mehr Kundennutzen und kontinuierlich verbesserte Anwendungen. Diagnostische Geräte entwickeln sich bis hin zu Lifestyle-Produkten. Anbieter von Labordiagnostik tun daher gut daran, sich klug auf die beginnenden Veränderungen von außen einzustellen, Kundenbedürfnisse zu antizipieren und etablierte Geschäftsmodelle vorbehaltslos zu prüfen.

Von Digitaler Transformation sprechen wir erst seit wenigen Jahren. Die Einführung des Smartphones und dessen rasante Verbreitung führten dazu, dass heute nahezu überall Zugriff auf leistungsfähige Computer besteht. Smartphones definieren unseren digitalen Lebensstil, auch wenn uns das oft nicht bewusst ist. Wir bestellen Bücher, Schuhe und Lebensmittel online, buchen Reisen ohne Reisebüro. Diese technologisch begründete „Nahtlosigkeit“ verändert nicht nur unser Konsumverhalten, sondern auch unsere eigenen Anforderungen an und die Blickrichtung auf die Welt. Wir betrachten auf uns zugeschnittene Dienstleistungen, Waren und Güter zunehmend als normal, halten es für selbstverständlich, dass sie zu uns kommen und wir selbst Ort und Zeit unseres Konsums festlegen.

Eroberung reiner Expertendomänen

Dieser digitale Lebensstil beginnt, in Expertendomänen vorzudringen, die durch Regulierungen bislang weitgehend vor Wettbewerb und Transparenz ausgenommen waren – z. B. in den medizinischen Sektor. Dazu gehört, Ärzte zu konsultieren, ohne im Sprechzimmer warten zu müssen. Wer Telemedizin mit Apps und Wearables betreibt, weiß, dass die erhobenen Daten den Untersucher dabei unterstützen, schneller die richtige Diagnose zu stellen.

Die Bereitstellung innovativer, leicht bedienbarer Technologie im Gesundheitswesen veranlasst immer mehr Menschen – insbesondere chronisch Kranke oder deren Angehörige – sich damit auseinander zu setzen. Im Sinne einer digital Health Literacy („Alphabetisierung“) entwickeln sich vor allem Erkrankungen, die im Jugendalter auftreten und chronifizieren, (z. B. Diabetes mellitus Typ 1) zur Blaupause der digitalen Transformation. Bereits jetzt begegnen Unternehmen dem Patientenwunsch nach „Convenience“ mit Produkten für ein kontinuierliches Blutzuckermonitoring, obwohl dafür die kollektivvertragliche Erstattung fehlt. Neue Entwicklungen für den Gesundheitsbereich werden z. T. gezielt als Lifestyle- Produkte platziert.

Der Point-of-Care verändert sich

Auch bei der digitalen Transformation im Gesundheitswesen steht das Smartphone im Mittelpunkt von Datenspeicherung und Datenauswertung. Dabei steigt der Anteil diagnostischer Daten im Sinne einer „Consumer Diagnostics“ und verändert den „Point-of-Care“: zur professionellen Labordiagnostik kommt die „Consumer Diagnostics“ hinzu.

Diese Entwicklung erfasst die gesamte Medizin. Die Grenzen zwischen klassischer Gesundheitsversorgung (Healthcare) und Bereichen, in denen der Konsument für sich selbst Verantwortung übernimmt (Selfcare) verschwimmen. Während herkömmliche Produktneuentwicklungen im Unternehmen top-down stattfinden, kommen heute Anregungen oftmals direkt vom Verbraucher. Für viele Produkte und Dienstleistungen existiert keine Erstattung, doch informierte Patienten übernehmen selbst die Kosten, wenn der Nutzen klar vermittelbar ist. Darüber hinaus beginnen Patienten, ihre eigenen Daten zu nutzen, zu organisieren und mit Dritten zu teilen. Sie tun das in der Hoffnung, an zielführenden Therapien Teil zu haben und sie tun es mit Unterstützung des Gesetzgebers, der die Datenautorität im BGB im sogenannten Patientenrechtegesetz bereits geregelt hat. Darin ist der Patient der alleinige Souverän seiner Daten.

Patienten haben begriffen, dass der Austausch von Daten mit entsprechend geschulten und technologisch befähigten Empfängern ihre Chancen auf Therapieerfolg erhöhen kann. Mediziner stehen in dieser Hinsicht zunehmend untereinander im Wettbewerb, denn in diversen Internetforen findet ein Austausch über ihre jeweilige Befähigung und Fachexpertise statt.

Chance und Risiko gleichermaßen

Für die Labormedizin ist die digitale Transformation Chance und Risiko gleichermaßen. Einen der größten Skandale gab es im Rahmen des Hypes um Healthcare-Startups genau in diesem Fachbereich. Die Geschäftsführerin der Firma Theranos führte bewusst Anleger, Ärzte und Patienten mit falschen Behauptungen zur Leistungsfähigkeit ihrer Technologie für Bluttests in die Irre. Die Tatsache, dass so viele Investoren und Fachleute auf diesen Betrug hereinfielen, deutet an, wie groß der Wunsch ist, ein „Labor in der Hostentasche“ zu besitzen, welches mit wenig Aufwand viel Information bereithält.

Anbieter von Labordiagnostik müssen sich darauf einstellen, in Zukunft neben den professionellen Kunden viel mehr als heute auch Betroffene oder deren Angehörige zu bedienen. Dies kann in einer direkten B2C*-Beziehung stattfinden oder indirekt, beispielsweise über eine digitale Apotheke oder über ein MVZ bzw. Krankenhaus, das als „Medical Concierge“ auftritt. Wer sich nicht darauf einstellt, wird sich mit Geräten und Dienstleistungen innovativer Unternehmen konfrontiert sehen, die die Veränderung des Point-of-Care konsequent weitergedacht haben. Eine Auswahl:

  • Unter dem Begriff Consumer Physics (www.consumerphysics.com) firmiert ein israelisches Startup, das mit innovativer Sensorik Objekte und Materialien scannt (z. B. menschliche Körper, Nahrungsmittel) und deren Zusammensetzung direkt auf das Smartphone sendet (z. B. Körperfettgehalt, Nährstoffdichte der Nahrung).
  • Das UK-Unternehmen Entia (www.entia.co) bietet verschiedene, vom National Health Service (NHS) freigegebene Geräte an, die zu Hause mit einem einzigen Stich in den Finger die Erstellung des kompletten Blutbilds ermöglichen.
  • Das israelische Unternehmen Healthy.io (www.healthy.io) offeriert ebenfalls für den Hausgebrauch eine von der FDA zugelassene Urinanalye. Auch diese Messung funktioniert in Verbindung mit dem Smartphone.

Die klassische Labordiagnostik steht bereits heute im Wettbewerb mit Healthcare- Unternehmen, deren Dienstleistungen auf digitalen Geschäftsmodellen gründen. Dies zu verteufeln ist genauso nutzlos, wie es zu ignorieren. Die richtige Strategie ist sicherlich, die digitale Transformation als Chance zu betrachten und die zukünftigen Zielgruppen mit ihren jeweiligen Bedürfnissen genau zu definieren. Zukünftiger Kunde kann weiterhin der klassische professionelle Laborbereich sein, aber auch der mitbestimmende Patient und dessen Angehörige sowie der (gesunde) Konsument.

Die digitale Anbindung an den Klienten birgt auch den strategischen Vorteil der sogenannten „Co-Creation“, d. h. der gemeinsamen Entwicklung von Prozessen, Dienstleistungen und Produkten zwischen Anbietern und Patienten/Konsumenten. Dies hat den Vorteil, dass Unternehmen nicht am Bedarf vorbei entwickeln, sondern sofortige Rückmeldung erhalten und es erspart erratische Prozesse in der Zusammenarbeit mit Startups, da eigene Personalressourcen genutzt werden können.

Neue Player im Gesundheitsmarkt

Mittlerweile gestalten auch branchenfremde Unternehmen mit traditionell starker Kundenorientierung den Medizinmarkt mit, z. B. Anbieter aus dem Versandhandel, der Automobilindustrie und der Datendienstleistung. Für sie ist das Thema “Personalisierte Medizin durch zielgerichtete Diagnostik“ eine lohnende Investitionssparte.

Dazu gehören anamnestische Daten, aber auch Daten des Genoms, Proteoms und Metaboloms. Die Auswertungen geben Auskunft beispielsweise zu genetischen Risikofaktoren und -konstellationen, zu therapeutischen Targets oder zum individuellen Stoffwechseltyp, um Medikamente richtig und nebenwirkungsarm zu dosieren.

So wie Menschen heute Maßschuhe erwerben und sich eigene Schokoladenkreationen bestellen, könnten Medikamente in Zukunft, basierend auf biologischen Individualdaten, zusammengestellt und individuell produziert werden. Dabei werden bald additive Produktionsweisen Einzug halten, insbesondere der 2D- und 3D-Druck von Medikamenten ist eine vielversprechende Neuerung (z. B. 2D-Druck von Phenprocoumon auf Biofilm oder 3D-Filament-Druck einer Tablette). Dieser Prozess ist unmittelbar verwoben mit einer gut funktionierenden digitalen Infrastruktur von der Diagnostik bis zur Dispensierung (Bereitung und Abgabe des Medikaments).

Blockchain-TechnologieBlockchain-Technologie als Basis

Die sichere Übermittlung und Speicherung von Daten stellt eine erhebliche, aber lösbare Herausforderung dar. Gerade auch für die Labormedizin muss überlegt werden, mit welchen Methoden sie sicherstellt, dass die erhobenen, gespeicherten und (an institutionelle Kunden oder private Konsumenten) versendeten Daten, genau dort und nur dort ankommen, wo eine Autorisierung vorliegt.

Die Blockchain-Technologie, bekannt geworden durch Bitcoin, entwickelt sich gerade von einer Nischenerscheinung in eine breitenverfügbare Applikation. Sehr bald werden wir das Konzept „Blockchain as a Service in Healthcare“ (BASH) kennen lernen, bei dem Nutzer relativ einfach und Ende-zu-Ende-verschlüsselt automatisiert den Datentransfer für Ihre Datendienstleistungen durchführen können.

Virtuelle Diagnostik

Auch die „augmentierte“ Diagnostik, d. h. die Diagnostik im virtuellen Raum aus computergenerierten und bildbasierten Daten wird zunehmen. Wir kennen mittlerweile eine Anzahl digitaler Marker mit prädiktiver Qualität. Hier entsteht eine neue Sparte der Diagnostik, die das Labor gegen einen Rechnerraum eintauscht. Ein prominentes Beispiel ist die Auswertung von EKG-Daten auf morphologische Variabilitäten, die dem menschlichen Auge nicht zugänglich sind, jedoch über prognostisches Potential verfügen. Darüber hinaus werden neurologische Erkrankungen wie Parkinson, Alzheimer und Depression durch akustische Biomarker detektiert und eine Methode, aus der Stimme den Blutzuckerspiegel abzuleiten, befindet sich gerade in Entwicklung.

Welche Rolle spielt in diesem Kontext noch die klassische Labordiagnostik? An die Automatisierung hat sich die Labormedizin in den letzten Jahren gewöhnt – ohne sie wäre die heutige Leistungsfähigkeit gar nicht erreichbar gewesen. Nunmehr steht die Branche vor der Herausforderung, neben der Prozessautomatisierung zusätzlich eine Befund- und Diagnostikautomatisierung durch künstliche Intelligenzen zu integrieren und damit auch das Serviceportfolio zu erweitern. Langfristig gesehen wird dies ein entscheidender Entwicklungs- und Überlebensfaktor für die am Markt agierenden Teilnehmer sein. Die eigentliche Herausforderung dabei dürfte weniger in der technischen Machbarkeit liegen als vielmehr darin, klassische Prozesse und Wege mutig neu zu denken und Produkte mit anwenderorientierten, digitalen Services zu etablieren bzw. zu veredeln. Es gilt, sich klug auf die beginnenden Veränderungen von außen einzustellen, Kundenbedürfnisse zu antizipieren, das eigene Versorgungs- und Geschäftsmodell vorbehaltslos zu prüfen und zukunftssicher aufzustellen.


* B2C
(Business-to-Consumer): Geschäftsbeziehung zwischen einem Unternehmen und einer Privatperson als Konsument


Korrespondenzadresse


Dr. med. Tobias D. Gantner

Dr. med. Tobias D. Gantner
MBA, LL. M.
Gründer und Geschäftsführer
der HealthCare Futurists GmbH
Stadtwaldgürtel 13
50935 Köln
tobias.gantner@healthcarefuturists.com



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