NT-proBNP-Grenzwerte bestätigt

Artikel aus Diagnostik im Dialog (Ausgabe 56)

[Medizin – Für Sie gelesen] Die European Society of Cardiology empfiehlt mit dem höchsten Evidenzgrad bei Verdacht auf akute Herzinsuffizienz (HI) die Bestimmung eines natriuretischen Peptids, wie z. B. NT-proBNP.1,2 Die ICON- und die PRIDE-Studie3,4 (s. Glossar) hatten für diesen klinischen Kontext bereits in den Jahren 2005/2006 z. T. altersgestaffelte NT-proBNP-Grenzwerte proklamiert. Heute ist die NT-proBNP basierte Stratifizierung in klinischen Guidelines verankert. Seit längerem jedoch wird diskutiert, ob die vor über einem Jahrzehnt festgesetzten Cut-offs noch valide sind. Die jüngst publizierte Studie ICONRELOADED5 hat diese Frage untersucht.

Der demographische Wandel mit höherer Wahrscheinlichkeit verschiedenster Begleiterkrankungen (Multimorbidität) könnte den Blutspiegel von NT-proBNP in einer Kohorte potentiell verändern, ebenso z. B. die steigende Prävalenz von Übergewicht oder neuere Wirkstoffe zur HI-Behandlung. In der ICON-RELOADED Studie (s. Glossar) wurden daher die vor mehr als 10 Jahren festgelegten Cut-off-Werte von NT-proBNP* (Tab. 1, linke Spalten) in einer „zeitgenössischen“ Kohorte überprüft.

In der von Roche unterstützten, prospektiven und multizentrischen Studie (19 Zentren in den USA und in Kanada) waren 1461 konsekutive Patienten eingeschlossen, die sich wegen Dyspnoe (subjektive Atemnot, erschwertes Atmen) in den Notaufnahmen vorstellten. Die klinische HI-Abklärung erfolgte durch ein Ärztekonsortium in Unkenntnis des zeitgleich bestimmten NT-proBNP-Wertes.

Ergebnisse

NT-proBNP diskriminiert statistisch hoch signifikant (p < 0,001) zwischen bestätigter und ausgeschlossener akuter HI: Die Werte (Mediane mit Interquartilsabstand) lagen überlappungsfrei bei 2844 (1247–5976) pg/ml bzw. 98 (35–369) pg/ml. Die diagnostische Aussage von NT-proBNP ist deutlich stärker als die anderer Parameter, z. B. Anamnese, körperliche Untersuchung, alternative Laborparameter.

Die Leistungsdaten von NT-proBNP aus dem aktuellen Studienkollektiv zeigt Tab. 1. Trotz erheblicher demographischer Unterschiede zu den älteren Studien haben sich die altersabhängigen Grenzwerte für ein „Rule-in“ und der einheitliche Cut-off für das „Rule-out“ unverändert bewährt. Die Performance blieb auch in diversen Subgruppen (z. B. nach Geschlecht, Abstammung, aber auch Nierenfunktion, Körpergewicht, Vorhofflimmern ja/nein) stabil. Die altersgewichteten Werte tragen somit den Begleiterkrankungen per se Rechnung.

Grenzwerte und Aussagekraft von Elecsys NT-proBNP

Die Prävalenz der akuten HI im untersuchten Kollektiv lag mit 19 % gegenüber der auf Basis der ICON-Studie (2006) erwarteten 50 % deutlich niedriger. Die Autoren führen dies (trotz allgemein häufigerer HI-Diagnosen) auf strukturelle Veränderungen der letzten Jahre in gesundheitlichen Einrichtungen der USA zurück, wodurch weniger Menschen mit akuter HI Notaufnahmen aufsuchen. Sie empfehlen als Performance- und Vergleichsdaten die prävalenzunabhängige Angabe der Wahrscheinlichkeit (Likelihood Ratio; s. Glossar) gegenüber dem prävalenzabhängigen PPV bzw. NPV (s. Glossar).

Auch in einer demographisch veränderten Population leisten die natriuretischen Peptide ihren wertvollen Beitrag zur akkuraten HI-Diagnostik, sie verbessern das Outcome von Patienten und reduzieren Kosten im Krankenhaus. In der aktuellen Leitlinie1 wird der Echokardiographie bei Aufnahme nun eine nachgeordnete Rolle zugeteilt.

* Elecsys NT-proBNP auf dem cobas e 601 Modul

Glossar

  • ICON-Studie: International Collaborative of NT-proBNP study
  • PRIDE-Studie: N-Terminal Pro-BNP Investigation of Dyspnea in the Emergency Department study
  • ICON-RELOADED: ICON Reevaluation of Acute Diagnostic cut-offs in the Emergency Department
  • Likelihood Ratio (LR): Gibt prävalenzunabhängig an, wie sich das Resultat eines diagnostischen Tests auf das Vorliegen einer Krankheit auswirkt.
  • Positiver LR: Gibt an, wie sich das Risiko einer Erkrankung bei positivem Testergebnis ändert, d. h. wie viel Mal wahrscheinlicher ein positives Testergebnis bei Kranken gegenüber Gesunden vorliegt.
  • Negativer LR: Gibt an, wie sich das Risiko einer Erkrankung bei negativem Testergebnis ändert.
  • PPV: Positiver prädiktiver Wert
  • NPV: Negativer prädiktiver Wert

Literatur

  1. Ponikowski P et al: Eur J Heart Fail (2016); 18:891–975
  2. Yancy CW et al: Circulation (2017); 136(6):e137–e161. DOI: 10.1161/CIR.0000000000000509
  3. Januzzi JL et al: Eur Heart J (2006); 27(3):330–337
  4. Januzzi JL et al: Am. J. of Cardiology (2005); 95:948–954
  5. Januzzi JL et al: N-terminal Pro-B-Type Natriuretic Peptide in the Emergency Department, The ICON RELOADED Study. JACC (2018); 71(11):1191–1200

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