Aids

Ein Problem - und seine Dimension

Bekannt ist das Aids verursachende HI-Virus (human immune deficiency virus) seit 1983. Damals konnten es der französische Wissenschaftler Luc Montagnier vom Pasteur-Institut in Paris und der amerikanische Virusforscher Robert Gallo zweifelsfrei identifizieren. Zum damaligen Zeitpunkt waren 4.100 Menschen erkrankt und 2.900 an der neuen Krankheit mit dem Namen „Acquired immuno deficiency syndrom“, kurz Aids, verstorben.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass weltweit Ende 2007 rund 33 Millionen Menschen mit HIV infiziert waren, jährlich kommen zirka 2,7 Millionen Neuinfektionen hinzu, jedes Jahr sterben 2 Millionen Menschen an den Folgen der Infektion.

49 von den 53 Mitgliedsstaaten der Europäischen Region meldeten Ende 2007 insgesamt 49.000 Neuinfektionen, besonders betroffen waren Estland, Ukraine, Portugal und Moldavien. Demnach sind 76 von jeweils einer Million Menschen im europäischen Raum mit dem HI-Virus infiziert.

In den 52 Mitgliedsstaaten der Europäischen Region lebten nach Angaben der WHO Ende 2005 rund 2,2 Millionen Menschen mit HIV/Aids – die meisten davon in Osteuropa und Zentralasien (1,6 Millionen). Nahezu zwei Drittel aller HIV-Infizierten lebt in Afrika südlich der Sahara; dort sind in mehreren Ländern 20 bis 40 Prozent der Bevölkerung mit dem gefährlichen Virus infiziert.

Portrait des Aids-Erregers

Das HI-Virus zählt zur Gruppe der so genannten Retroviren. Deren Kennzeichen ist es, dass sie ihre Erbanlagen (Gene) auf einer einzelsträngigen Ribonukleinsäure (RNS) tragen. Ihr zweites Charakteristikum ist ein Enzym namens Reverse Transkriptase. Es schreibt die Erbinformation des Virus (einzelsträngige RNS) in die Erbinformation der menschlichen Zelle (doppelsträngige Desoxyribonukleinsäure, DNS) um, sobald das Virus in seine Wirtszelle eingedrungen ist. Diese Umschrift (Transkription) macht es den Viren möglich, ihre Erbinformation in die der menschlichen Zelle einzubauen. Die Wirtszelle wird auf diese Weise umprogrammiert und produziert daraufhin massenhaft neue Viren, die wiederum weitere Zellen befallen. Die virale Erbinformation wird auch dann weitergegeben, wenn sich die Zelle teilt und verbleibt somit lebenslang im Körper des infizierten Menschen. Es ist deshalb bislang nicht möglich, eine Infektion mit HI-Viren auszuheilen.

HI-Virus Knospe aus Zelle

Ein HI-Virus (rot) verlässt seine Wirtszelle durch die Zellmembran. (Bildquelle: Roche)

Als Wirtszellen bevorzugen die Viren T-Helferzellen, die unentbehrlichen „Einsatzleiter“ des Immunsystems: Sie erkennen Fremdsubstanzen, geben das Startsignal für die Produktion der meisten Antikörper und alarmieren die T-Killerzellen, die Spezialisten der Virenabwehr. Je mehr T-Helferzellen von den Viren befallen und dabei zerstört werden, desto weniger ist das Immunsystem in der Lage, seine Aufgabe – den Schutz des Körpers vor allgegenwärtigen krankmachenden Eindringlingen – zu erfüllen.


In die T-Helferzellen hinein gelangt die virale Erbinformation, indem die Viruspartikel an bestimmte Oberflächenstrukturen, so genannte Rezeptoren (CD4-Rezeptoren), auf der Umhüllung (Membran) der T-Helferzelle andocken und mit der zellulären Membran verschmelzen. Das im Innern der Viruspartikel enthaltene Erbmolekül wird daraufhin frei und ins Innere der Zelle entlassen.

Wie die Infektion verläuft

Eine HIV-Infektion erfolgt über stark virushaltige Körperflüssigkeiten. Das sind in erster Linie Blut sowie Samen- und Scheidenflüssigkeit. Auch über die Muttermilch können die Viren übertragen werden.

Einige Tage bis wenige Wochen nach der Infektion kann es zu einer „akuten HIV-Krankheit“ kommen. Das ist bei etwa jedem zweiten Neuinfizierten der Fall. Die akute HIV-Krankheit äußert sich mit Fieber, geschwollenen Lymphknoten, Schwächegefühl, Entzündungen im Rachenraum, Hautausschlägen, anhaltenden Durchfällen sowie Kopf- und Gliederschmerzen.

Alle diese Krankheitszeichen verschwinden nach drei bis vier Wochen wieder. Während der akuten Krankheitsphase ist die Viruskonzentration im Blut hoch und die Anzahl der T-Helferzellen deutlich erniedrigt. Nach der Akuterkrankung geht die Menge der Viren im Blut zurück, die Anzahl der T-Helferzellen steigt wieder. Der Grund dafür ist, dass das Immunsystem auf die Eindringlinge aufmerksam geworden ist und die Produktion von Antikörpern, die die Viren angreifen, angekurbelt hat. Die Antikörper können die Viren zwar reduzieren, aber nicht vollständig eliminieren.

Nach der akuten Phase zeigen sich bei den meisten Patienten zunächst keine auf HIV zurückzuführenden Krankheitserscheinungen mehr. Wie lange die symptomfreie Zeit anhält, ist von Mensch zu Mensch verschieden, sie kann einige Monate bis viele Jahre andauern. Dennoch vermehren sich auch in dieser Zeit die Viren im Blut, und die T-Helferzellen werden allmählich dezimiert. Erfahrungsgemäß vergehen ohne therapeutische Intervention durchschnittlich zehn Jahre, bis die symptomlose Phase in das Aids-Stadium übergeht.

HI-Virus verlässt Wirtszlle

Als Wirtszellen bevorzugen die HI-Viren (im Bild gelb dargestellt) bestimmte Zellen des Immunsystems, so genannte T-Helferzellen, in denen sie sich vermehren. (Bildquelle: Roche)

Dieser Übergang kann plötzlich erfolgen; bei den meisten Patienten kündigt er sich jedoch mit einem allmählich schlechter werdenden Gesundheitszustand an. Am häufigsten äußert er sich mit verminderter Leistungskraft, ungewollter Gewichtsabnahme, Fieberschüben und Durchfällen ohne erkennbare Ursache. Auch Infektionen der Mundschleimhaut mit dem Pilz Candida albicans werden häufig beobachtet. Wenn Blutuntersuchungen ergeben, dass weniger als 200 T-Helferzellen in einem Kubikmilliliter Blut enthalten sind, gilt eine HIV-infizierte Person als aidskrank.

Die amerikanischen Centers for Disease Control (CDC) haben die Stadien der HIV-Erkrankung 1993 klassifiziert. Danach wird der Krankheitsverlauf international in drei klinische Stadien (A, B, C) aufgeteilt. Als Stadium A wird die akute HIV-Krankheit bezeichnet; Stadium B bezeichnet Erkrankungen, die auf eine Schwäche des Immunsystems hinweisen; im Stadium C treten Erkrankungen auf, die Aids definieren.