Ernährung während der Prädialyse -Eiweiß

Zusammengestellt von Barbara Börsteken, Ernährungsmedizinische Beraterin DGE, Köln

Die Dialyse kann oft nur hinausgezögert werden, sobald eine bestimmte Grenze überschritten ist. Solange noch keine Dialyse nötig ist (Prädialyse), müssen erst einmal alle anderen Einflussfaktoren optimiert werden. Blutdrucksenkung ist dabei ganz wichtig, daneben gegebenenfalls die Einstellung des Blutzuckers und des Fettstoffwechsels sowie die Anämiekorrektur. Ergänzend kann man durch eine entsprechende Ernährung versuchen, den Anstieg der giftigen Stoffwechselprodukte so niedrig wie möglich zu halten.

Eiweiß

Einer der Stoffe, dessen Abbauprodukte über die geschädigte Niere nicht mehr so einfach ausgeschieden werden können, ist Eiweiß. Wir essen meist mehr Eiweiß, als wir wirklich brauchen. Deshalb sollte bei beginnender Einschränkung der Nierenfunktion mit der Nahrung zunächst die normale Menge aufgenommen werden. Normal heißt: etwa 1 g je kg Körpergewicht.

Bei starkem Verlust der Nierenfunktion sollte das Eiweiß auf 0,8 g pro kg Körpergewicht beschränkt werden. Das ist nicht wesentlich weniger als die für die normale Ernährung empfohlene Eiweißmenge von 1 g pro kg Körpergewicht.
Eine zu starke Eiweißeinschränkung unter 0,6 g je kg Körpergewicht (wie sie früher empfohlen wurde) ist jedoch nicht anzuraten, denn der Körper braucht Eiweiß, z. B. zur Erhaltung der Muskulatur oder der Immunabwehr. Nimmt man mit der Nahrung nicht genügend Eiweiß auf, wird körpereigenes Eiweiß abgebaut und das darf nicht sein! Wenn die Nierenfunktion zu stark nachlässt, sollte die Dialyse eingeleitet werden, damit man keinen körperlichen Abbau riskiert.

In einer Studie wurde die Sterblichkeit von Patienten innerhalb der ersten beiden Jahre der Dialysepflicht in Abhängigkeit vom Ernährungszustand untersucht. Von den 14 Patienten, die deutlich mangelernährt an die Dialyse kamen (Body-Mass-Index unter 19), waren nach 2 Jahren nur noch 4 am Leben, also nur noch knapp 30 %. In der Gruppe mit noch relativ gutem Ernährungszustand waren von 32 Patienten im gleichen Zeitraum noch 20 am Leben, dies entspricht fast 70 %. Dieser Unterschied war statistisch nachweisbar.

Je besser ernährt man also die Dialysepflicht erreicht, umso größere Chancen hat man, lange mit der Dialyse zu leben. In der Dialyse darf und muss dann auch wieder mehr Eiweiß gegessen werden.

Tipps zur richtigen Eiweißauswahl

Am leichtesten gelingt die Eiweißnormalisierung mit einer ovo-lacto-vegetabilen Ernährung, also einer Ernährung, die Eier und Milchprodukte enthält, aber kein Fleisch oder Fisch. Trotzdem können Sie durchaus auch mal ein Stück Fleisch oder Fisch essen. An diesem Tag lassen Sie dann eben Ei- und Milchprodukte weg. Zum Beispiel essen Sie zum Frühstück Marmelade oder Honig und für weitere Brotmahlzeiten verwenden Sie einen vegetarischen Belag. Müsli mit Fruchtsaft ist auch sehr lecker. Oder eine Reis-Gemüse-Pfanne, ebenso wie Nudeln mit Tomatensoße. Es gibt viele leckere fleischfreie Mahlzeiten!

Berechnung des Eiweißbedarfs (Beispiel):
70 kg x 0,8 g/kg = 56 g Gesamteiweiß
Davon 50 % als tierisches Eiweiß
= 25–30 g durch tierische Lebensmittel

Es reicht aus, dass Sie die tierischen Lebensmittel berechnen. Die pflanzlichen Lebensmittel wie Brot, Nudeln, Reis, Kartoffeln, Obst und Gemüse liefern automatisch die restlichen 50 %.

Eine einfache Faustregel für die Auswahl tierischer Lebensmittel:

  • Entweder pro Tag:
    ¼ l Milchprodukt oder Sojamilchprodukt
    1–2 Scheiben Käse (60 g)
    1 Ei
    1–2 Scheiben Wurst (30 g)
  • Oder:
    1 Portion Fleisch oder Fisch und keine weiteren tierischen Eiweißlieferanten

Für die Auswahl von Fleisch, Wurst, Quark und Käse gilt: Je höher der Fettgehalt, desto niedriger ist der Eiweißgehalt.

Beim Einschätzen des Eiweißgehaltes tierischer Lebensmittel unterstützt Sie die "5 g Eiweiß"-Austauschtabelle.

Eiweißgehalt von Lebensmitteln in üblichen Portionsgrößen:

Tierische
 Lebensmittel

Menge

Eiweiß
g

Wurst

1

Scheibe

25

g

5

Quark, mager

1

EL

30

g

4

Quark, 40 % Fett i. Tr.

1

EL

30

g

3

Fleisch (Rohgewicht)

1

Portion

125

g

25

Fisch

1

Portion

150

g

27

Käse

1

Scheibe

40

g

10

Joghurt

1

Becher

150

g

5

Milch

1

Glas

200

ml

7

Eiscreme

1

große Kugel

75

g

2


Pflanzliche Lebensmittel

Menge

Eiweiß
g

Kartoffeln

 

1 Portion
(3 bis 4 Stück)

250

g

5

Reis
(Rohgewicht)

 

als Beilage

60

g

4

Nudeln  
(Rohgewicht)

 

als Beilage

60

g

6

Nudeln
(Rohgewicht)

 

Hauptgericht

100

g

12

Graubrot

1

Scheibe

50

g

3

Brötchen

1

Stück

45

g

3

Müsli

4

EL

60

g

6

Sojamilch

1

Glas

200

ml

7

Linsengemüse

1

Portion

150

g

4

Kuchen

1

Stück

70

g

4

Gemüse

1

Portion

150

g

1

Obst

1

Portion

150

g

1

Marmelade

1

TL

10

g

0

Phosphat

Alle eiweißhaltigen Lebensmittel und vor allem die tierischen enthalten gleichzeitig viel Phosphat. Mit der geringeren Eiweißaufnahme wird somit auch die Phosphataufnahme automatisch deutlich weniger.
Eine zusätzliche Bevorzugung phosphatarmer Lebensmittel macht das Phosphatsparen noch erfolgreicher:

  • Wählen Sie phosphatgünstige Käsesorten: Je weicher und je fetter der Käse, desto niedriger ist der Phosphorgehalt (z. B. Frischkäse, Brie)
  • Phosphorgünstige Brotsorten sind: Graubrot, Weißbrot, Hefevollkornbrot sowie Vollkornbrot, das ohne Sauerteig hergestellt wurde                                                                         
  • Vermeiden Sie Fertiggerichte und Lebensmittel mit Phosphatzusatz: E 322, E 338, E 339, E 340, E 341, E 450, E 541, Schmelzsalz, Lecithin
  • Verwenden Sie keine Bierhefe, Hefeflocken und Lecithinpräparate
  • Nüsse, Mandeln, Schokolade, Hartkäse sind sehr phosphorreich, kleine Mengen sind aber durchaus möglich
  • Hefeteig, Mürbeteig, Blätter- und Brandteig sind die phosphorgünstigere Wahl
  • Rührkuchen und Biskuit sind bedingt durch normales Backpulver relativ phosphorreich
  • Verwenden Sie anstelle des üblichen Backpulvers ein Weinstein-Backpulver (Reformhaus, Naturkosthandel)
  • Colagetränke können viel Phosphor enthalten

Natrium

Die kochsalzarme bzw. natriumarme Ernährung bei Niereninsuffizienz wird mit 5 bis 6 g Kochsalz (Natriumchlorid = NaCl) pro Tag definiert.
Das entspricht 2000 bis 2400 mg bzw. 87 bis 105 mmol Natrium (Na).

Praktisch umgesetzt ist dies eine Ernährung mit einer moderaten Kochsalzzufuhr. Übliche salzhaltige Lebensmittel wie Brot, Wurst und Käse können gegessen werden. Lediglich das Zusalzen der Speisen fällt weg. Außerdem verwenden Sie keine salzhaltigen Konserven und Fertiggerichte. Zu Beginn ist dies für Ihren Geschmack eine relativ große Umstellung. Jedoch nicht verzagen: Die Geschmacksknospen der Zunge passen sich an und nach ein bis zwei Wochen sind Sie an den neuen Salzgeschmack gewöhnt. Ihr im Vergleich zu vorher nun salzreduziertes Essen schmeckt Ihnen völlig salznormal.

Verbannen Sie das Gewürz Salz aus Ihrer Küche. Ihre Tischgäste und Familienangehörigen können bei Bedarf am Tisch nachwürzen. Vielleicht entdecken auch diese den neuen, intensiveren Geschmack, den Speisen ohne Salzzugabe haben.

Kalium

Kalium ist in der Prädialyse selten eingeschränkt. Steigt es im Serum an, können medikamentöse Kaliumbinder eingesetzt werden. Tipps zur kaliumreduzierenden Zubereitung finden Sie unter „Ernährung während der Dialyse – Kalium“ (siehe rechts oben).

Flüssigkeit

Im Gegensatz zur Dialyse sollte der noch nicht dialysepflichtige Nierenkranke sogar deutlich mehr Flüssigkeit zu sich nehmen als der gesunde Mensch. Durch reichliches Trinken werden in der größeren Menge an Urin auch mehr Giftstoffe über die Nieren entfernt.

Eine Trinkflüssigkeit von mindestens 1,5 Liter ist ein absolutes „Muss“. Die Empfehlung liegt häufig sogar bei 2 bis 2,5 Liter pro Tag. Unsere übliche „feste Nahrung“ liefert 1 bis 1,5 Liter Wasser dazu. Haben Sie viel geschwitzt, gleichen Sie diesen Wasserverlust zusätzlich aus.

Vorsicht, eine bestehende Herzerkrankung kann eine Begrenzung der Trinkflüssigkeit notwendig machen. Ebenso kann kurz vor der Dialysepflicht die Harnbildung nachlassen. Deshalb muss die Trinkmenge in allen Phasen der Prädialyse zusammen mit dem behandelnden Nierenfacharzt festgelegt werden!

Auf einen Blick:
Ernährungsregeln bei Niereninsuffizienz

  • Viel trinken
  • Salzbewusst essen
  • Nicht zu viel und nicht zu wenig Eiweiß essen
  • Die ovo-lacto-vegetabile Lebensmittelauswahl bevorzugen
  • Auf den Phosphorgehalt einzelner Lebensmittel achten
  • Ausreichend Energie (sprich Kalorien) zu sich nehmen
  • Pflanzliche Fette mit hohem Anteil an einfach ungesättigten Fettsäuren bevorzugen
  • Sehr vorsichtig mit Alkohol umgehen

Tipp: Die Zusammenstellung von Essen und Trinken kann auch mit einer Ernährungsberaterin besprochen werden.