Blutarmut (Anämie) bei Niereninsuffizienz

Im Laufe einer chronischen Niereninsuffizienz entsteht bei vielen Patienten eine Blutarmut, eine renale Anämie (renal von lat. ren=Niere). Bei einer Blutarmut besteht ein Mangel an roten Blutkörperchen (Erythrozyten). Die roten Blutkörperchen enthalten den eisenhaltigen roten Blutfarbstoff (Hämoglobin, Hb), der für den Sauerstofftransport im Blut zu den Organen verantwortlich ist. Sind zu wenig rote Blutkörperchen vorhanden, werden die Organe nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Je weiter die Niereninsuffizienz fortgeschritten ist, desto höher ist das Risiko, eine Anämie zu entwickeln. Im stark fortgeschrittenem Krankheitsstadium G5 sind 50 % der Patienten von einer renalen Anämie betroffen (Stauffer, 2014). Auch eine Diabetes-Erkrankung ist ein Risikofaktor: Patienten mit Niereninsuffizienz und Diabetes sind häufiger und stärker von einer renalen Anämie betroffen (Haufe, 2019).

Ursache der Blutarmut bei Niereninsuffizienz

Die Niere bildet das Hormon Erythropoetin (kurz „Epo“), das bei der Bildung roter Blutkörperchen (Erythrozyten) eine entscheidende Rolle spielt. Die roten Blutkörperchen müssen ständig neu gebildet werden, da sie nur eine kurze Überlebenszeit von etwa 3 Monaten haben, bevor der Körper sie selbst abbaut. Die Bildung und Reifung der roten Blutkörperchen finden im Knochenmark statt. Das Hormon Erythropoetin regt das Knochenmark zur Bildung von roten Blutkörperchen an. Wenn die Niere bei einer Niereninsuffizienz nicht mehr genug Erythropoetin produziert, werden auch nicht mehr genug rote Blutkörperchen gebildet. Außerdem werden die roten Blutkörperchen bei Niereninsuffizienz durch die Anreicherung von Stoffwechselgiften geschädigt und schneller als normal abgebaut. Die Stoffwechselgifte haben darüber hinaus eine negative Auswirkung auf die Blutbildung im Knochenmark. Im Spätstadium der Niereninsuffizienz (Urämie) können Blutungen z. B. im Magen-Darm-Bereich auftreten, die zur Blutarmut beitragen.

Patienten, bei denen eine Blutwäsche (Dialyse) notwendig wird, verlieren außerdem durch die Dialyse selbst und die regelmäßigen Blutabnahmen ca. 2,5 Liter Blut/Jahr (Herold, 2020).

Häufig besteht bei Patienten mit Niereninsuffizienz auch eine Störung des Eisenhaushaltes. Da Eisen ein Bestandteil des roten Blutfarbstoffes Hämoglobin ist, fördert ein Eisenmangel eine Blutarmut.

Das von der Niere gebildete Hormon Erythropoetin (Epo) regt das Knochenmark zur Bildung von roten Blutkörperchen an. Die Funktion des Erythropoietins (EPO) bei der Blutbildung: EPO wird in der Niere gebildet und fördert die Bildung der roten Blutkörperchen (Erythrozyten).

Beschwerden bei renaler Anämie

Bei einer Anämie kommt es zu einem Sauerstoff-Mangel im Körper, weil das Blut nicht mehr genügend Sauerstoff transportieren kann. Gerade bei Belastung werden z. B. die Muskelzellen oder das Gehirn nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt.

Betroffene Patienten fühlen sich in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt, sind oft müde und klagen über Schwindel und Atemnot. Häufig bemerken die Patienten eine leichte Blutarmut nur bei stärkerer körperlicher Belastung. Ist die Blutarmut stark ausgeprägt, kommt es bereits in Ruhe zu Symptomen. Ein häufiges Symptom ist eine sehr blasse Hautfarbe. Auch eine hellbraune Färbung der Haut (sog. Café au lait-Farbe), bedingt durch Ablagerung von Substanzen in der Haut, die normalerweise mit dem Urin ausgeschieden werden (sog. Urochrome), ist möglich.

Als Reaktion auf die mangelhafte Sauerstoffversorgung versucht der Körper den Sauerstoffmangel mit einem vermehrten Blutfluss auszugleichen, so dass es teilweise zu einer erhöhten Herzfrequenz kommt.

Diagnose

Für die Diagnosestellung werden bestimmte Parameter im Blut ermittelt. Der Hämatokrit und der Hämoglobinwert des Blutes geben Auskunft über die im Körper vorhandenen Erythrozyten.

Der Hämatokrit (Hkt) ist der Anteil der Zellen (v. a. Erythrozyten) am Gesamtblutvolumen. Der Normalwert liegt bei Männern zwischen 42 und 50 % und bei Frauen zwischen 38 und 44%.

Hämoglobin (Hb) ist der rote Blutfarbstoff in den Erythrozyten und transportiert den Sauerstoff im Blut. Die normalen Hb-Werte liegen bei Frauen zwischen 12 und 16 g/dl (Gramm pro Deziliter), bei Männern zwischen 13 und 17g/dl.

Bei einer Blutarmut ist die Hämoglobinkonzentration und häufig auch der Hämatokrit erniedrigt.

Literatur:

DEGAM (Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin): S3-Leitlinie „Versorgung von Patienten mit nicht-dialysepflichtiger Niereninsuffizienz in der Hausarztpraxis“, Berlin 2019; abrufbar unter https://www.degam.de/degam-leitlinien-379.html

Haufe CC. Renale Anämie. Nephrologe 2019; 14:305–317.

Herold G (Hrsg.) Innere Medizin. Herold G, Köln, 2020.

Stauffer ME, Fan T. Prevalence of anemia in chronic kidney disease in the United States. PloS one 2014; 9 (1), e84943.