Neurologie

Roche stellt die Weichen für eine Neurologie der Zukunft

Warum Fortschritte für Patientinnen und Patienten mit neurologischen Erkrankungen so dringend notwendig sind, kann die Neurologin Dr. med. Carola Bruns bestens beurteilen – erst vor wenigen Monaten wechselte sie aus der Klinik zur Roche Pharma AG. Dort leitet sie heute die medizinische Abteilung im Bereich Neuroscience. Im Interview geht sie auf aktuelle Chancen und Herausforderungen in der Neurologie ein und verrät, welche Rolle dabei die Digitalisierung spielt.

Warum haben Sie sich für diesen Schritt entschieden?

Carola Bruns
Zu Beginn meiner medizinischen Laufbahn konnte ich es mir ehrlich gesagt überhaupt nicht vorstellen irgendwann einmal in die pharmazeutische Industrie zu wechseln.
Dr. med. Carola Bruns 

 

Natürlich stand damals der Wunsch, direkt am Patienten zu sein, im Vordergrund. Im Laufe meiner medizinischen Tätigkeit wurde es mir zunehmend wichtig, die Versorgung von Patientinnen und Patienten auch über die reine ärztliche Tätigkeit hinaus zu verbessern. In der pharmazeutischen Industrie sah ich die Möglichkeit, wissenschaftliches und strategisches Arbeiten zu kombinieren und sich mit Personen unterschiedlichster Professionen auszutauschen. Bei Roche kann ich heute innerhalb eines interdisziplinären Teams die aktuelle und künftige Gesundheitsversorgung an verschiedenen Stellschrauben aktiv mitgestalten und genau die Erfahrungen zum Wohl der Patienten einfließen lassen, die ich über Jahre in der Praxis gesammelt habe.

Ihr medizinischer Schwerpunkt liegt in der Neurologie. Welchen Stellenwert haben die Neurowissenschaften für Roche?

Innerhalb der Forschung und Entwicklung von Roche nehmen die Neurowissenschaften eine zunehmend zentrale Stellung ein. Wir haben heute eine zweifellos sehr vielfältige und interessante Pipeline, in der Moleküle mit ganz unterschiedlichen und innovativen Wirkmechanismen zu finden sind. Im Fokus stehen für uns dabei Erkrankungen mit einem besonders hohen medizinischen Bedarf, also genau jene Erkrankungen, für die es bisher nur unzureichende oder oft auch gar keine therapeutischen Lösungen gibt. Das sind einerseits Erkrankungen, die vergleichsweise häufig in der Bevölkerung auftreten, wie zum Beispiel multiple Sklerose (MS), Morbus Parkinson, aber auch die Alzheimer- Krankheit. Andererseits arbeiten wir aber auch an Lösungen für Patientinnen und Patienten mit seltenen Erkrankungen, wie zum Beispiel Spinale Muskelatrophie (SMA), Chorea Huntington oder den Neuromyelitis Optica Spektrum-Erkrankungen (NMOSD).

Wie bewerten Sie den Fortschritt in der Neurologie?

Die Fortschritte, die gerade in der jüngsten Zeit in den Neurowissenschaften erzielt wurden, sind beachtlich. Wir verstehen immer besser, welche Mechanismen bei der Entstehung und dem Fortschreiten neurologischer Erkrankungen eine Rolle spielen, und können dadurch immer spezifischer therapieren. Und was ich als Ärztin natürlich besonders spannend finde: Einen Beitrag zum wissenschaftlichen Fortschritt in der Neurologie zu leisten, der letztlich den Patienten zugutekommt. Nehmen wir das Beispiel Multiple Sklerose: Bis vor wenigen Jahren war kaum bekannt, welche Bedeutung die B-Zellen für die Entstehung und das Fortschreiten von MS haben. Heute wissen wir, dass B-Zellen bei allen Verlaufsformen von MS eine zentrale Rolle spielen. Und auf Basis dieses Wissens ist es erstmals gelungen, eine Behandlung zu entwickeln, die nicht nur bei schubförmiger MS wirkt, sondern auch bei der selteneren und stetig voranschreitenden primär progredienten MS. Ein weiteres Beispiel für den Fortschritt in den Neurowissenschaften ist die Erkrankung Chorea Huntington, wofür es bisher keine zugelassenen Medikamente gibt. Wir forschen aktuell an einem hochspezifischen Therapieansatz für Huntington-Patienten, der direkt an den genetischen Ursachen der Erkrankung ansetzt.

Stichwort „Personalisierte Medizin“: Wie weit ist die Neurologie von individuellen Behandlungsstrategien entfernt?

Ganz pauschal lässt sich das nur schwer beantworten. Aber natürlich ist die Neurologie insgesamt noch nicht so weit wie beispielsweise die Behandlung von Krebserkrankungen. Klar ist aber: Auch in der Neurologie verfolgen wir das Ziel, möglichst vielen Patienten genau die therapeutische Lösung anzubieten, die sie in ihrer individuellen Krankheits- und Lebenssituation benötigen. Und ich denke, wir sind hier auf einem guten Weg. Darüber hinaus suchen wir mit Hilfe von Biomarkern nach Hinweisen, die uns ermöglichen, genau die Patienten zu identifizieren, die von einer Behandlung profitieren. Eine große Stärke von Roche ist in diesem Zusammenhang sicherlich, dass sich die Arzneimittelentwicklung und die Diagnostik unter einem gemeinsamen Dach befinden.

Wenn wir über die Zukunft der Neurologie reden: Welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung?

Es steht für mich außer Frage, dass die digitale Transformation des Gesundheitswesens die Forschung und Entwicklung weiter beschleunigen wird und auch für die Neurologie eine hochpräzise und individuelle Gesundheitsversorgung für viele Patientinnen und Patienten in Aussicht stellt. So entwickeln wir momentan für Patientinnen und Patienten mit multipler Sklerose die App „Floodlight“. Über diese App lassen sich beispielsweise bestimmte Parameter zu Koordination, Mobilität oder Kognition erfassen. Ziel ist es, Krankheitsprogression beim einzelnen Patienten möglichst sensitiv und frühzeitig zu detektieren, um ein besseres Krankheitsverständnis zu erhalten und künftig entsprechende therapeutische Konsequenzen daraus abzuleiten.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Neurologie?

Ich wünsche mir, dass wir in Zukunft vielen Patientinnen und Patienten mit neurologischen Erkrankungen, für die bislang noch gar keine therapeutischen Lösungen verfügbar sind, eine neue Perspektive bieten können. Und ich wünsche mir, dass wir das vorhandene Wissen und die technologischen Möglichkeiten im Sinne der Patienten nutzen, um zukünftig noch mehr Patientinnen und Patienten genau die Behandlung anbieten zu können, die sie in ihrer individuellen Situation benötigen.