Wie entsteht die juvenile idiopathische Arthritis?

Man geht derzeit davon aus, dass die JIA eine Autoimmunerkrankung ist, bei der viele verschiedene Faktoren beteiligt sind.7 Demnach liegt der JIA eine unkontrollierte Aktivierung von Komponenten des Abwehrsystems zugrunde, die sich in einer überschießenden Freisetzung von Entzündungsbotenstoffen äußert. Der genaue Pathomechanismus und die Auslöser der Entzündungsreaktion sind bisher noch nicht vollständig geklärt.9

Das gesunde Immunsystem

Komplexes Verteidigungssystem: Effektiver Schutz vor Keimen

Ständig umgeben uns Millionen von Krankheitserregern. Dass wir nur selten auch tatsächlich krank werden, haben wir unserem körpereigenen Abwehrsystem, medizinisch auch Immunsystem genannt, zu verdanken.

Das Immunsystem hat im Wesentlichen drei Aufgaben: Die Krankheitserreger oder andere schädigende Reize zu entdecken, zu identifizieren und sie dann zu zerstören. Das Immunsystem ist also eine Art Körperpolizei, die sofort mit Erste-Hilfe-Maßnahmen startet, sobald Krankheitserreger Schutzbarrieren wie die Haut oder die Schleimhaut überwunden haben und in den Körper eingedrungen sind.

Um diese Aufgabe effizient erfüllen zu können, verfügt das Immunsystem über Spezialeinheiten in Form von bestimmten Zellen im Blut und in verschiedenen Organen. Dringen Krankheitserreger in den Körper ein, so werden sie von diesen Abwehrzellen gezielt bekämpft und damit unschädlich gemacht. Zu den wichtigsten Spezialeinheiten der Körperpolizei im Kampf gegen körperfremde Eindringlinge gehören weiße Blutkörperchen (Leukozyten) und hier speziell die sogenannten T-Zellen und B-Zellen.

Ein gesundes Abwehrsystem bekämpft Viren und Bakterien Ein gesundes Abwehrsystem bekämpft Viren und Bakterien

Der Kampf gegen die Krankheitserreger im Körper verläuft immer nach dem gleichen Muster, nämlich in Form einer Entzündung, die durch bestimmte Botenstoffe ausgelöst wird: Das betroffene Gebiet ist gerötet, überwärmt, geschwollen und schmerzt. Diese klassischen Zeichen der Entzündung sind schon seit dem Altertum bekannt.

Eine Entzündung ist also eine sehr wirksame und sinnvolle Methode des Immunsystems, mit Krankheitserregern und anderen schädigenden Reizen fertig zu werden. Mit der Entzündungsreaktion werden die Erreger bekämpft und beseitigt. Ist das geschehen, heilt die Entzündung vollständig ab, und der Patient hat keine Beschwerden mehr.

Was sind T-Zellen?

Die T-Zellen (T-Lymphoyzten) sind als eine Untergruppe der weißen Blutkörperchen (Leukozyten) eine Spezialeinheit des körpereigenen Abwehrsystems. Sie gehen durch den Körper sozusagen „auf Streife“ und suchen nach schädlichen Krankheitserregern. Wenn sie Krankheitserreger identifiziert haben, benachrichtigen sie durch Botenstoffe die B-Zellen, damit diese die Waffen des Immunsystems, die Antikörper, herstellen.

T-Zellen werden im Knochenmark gebildet und reifen dann im Thymus heran (das „T“ steht für „Thymus“). Der Thymus ist eine innere Drüse und liegt hinter dem Brustbein über dem Herzbeutel. Bei der Geburt und im Kindesalter ist der Thymus voll ausgebildet. Im Laufe der Jahre bildet er sich zunehmend zurück. Vom Thymus aus gelangen die T-Zellen über das Blut in alle Organe und Gewebe des Körpers.

Was sind B-Zellen?

B-Zellen (B-Lymphozyten) sind ebenfalls eine Untergruppe der weißen Blutkörperchen (Leukozyten) und eine Spezialeinheit des körpereigenen Abwehrsystems. B-Zellen werden im Knochenmark gebildet und reifen dort auch heran (das „B“ steht für „Bone marrow“, der englische Begriff für „Knochenmark“).

Nach dem Kontakt mit Krankheitserregern wandeln sich B-Zellen zu Plasmazellen um. Die Aufgabe von Plasmazellen ist es, die Abwehrwaffen des Immunsystems, die sogenannten Antikörper, herzustellen. Antikörper heften sich an die Krankheitserreger an und markieren sie damit. Dadurch erkennen andere Spezialeinheiten des Abwehrsystems, dass es sich hierbei um „Feinde“ handelt, und zerstören die Erreger.

Welche Rolle die B-Zellen bei der Entstehung der JIA spielen, ist nicht abschließend geklärt.9

Was sind Botenstoffe?

Die Abwehrzellen verständigen sich untereinander über bestimmte Botenstoffe (Zytokine). Damit wird erreicht, dass Krankheitserreger oder schädigende Reize erkannt und im Rahmen einer Entzündungsreaktion entfernt werden.

Zu den wichtigsten Botenstoffen gehören vor allem Interleukin-1 (abgekürzt IL-1), Interleukin-6 (IL-6) und der Tumor-Nekrose-Faktor alpha, abgekürzt TNF-alpha. Alle drei sind stark entzündungsfördernde Stoffe und werden sowohl von den T- als auch von den B-Zellen gebildet. Ein Zusammenhang zwischen dem Botenstoff IL-6 im Blut oder der Gelenkflüssigkeit und der klinischen Krankheitsaktivität ist bei sJIA nachgewiesen worden.10

Übrigens hat der Begriff „Tumor-Nekrose-Faktor“ gar nichts damit zu tun, dass ein Tumor vorliegt. Der Stoff hat seinen Namen lediglich daher, dass Forscher vor mehr als dreißig Jahren in Untersuchungen im Reagenzglas festgestellt haben, dass TNF-alpha auch bestimmte Tumorzellen abtöten kann.

Alle drei Botenstoffe finden sich auch in großer Menge in den entzündeten Gelenken von Patienten mit juveniler idiopathischer Arthritis (JIA) und sind verantwortlich für die Auslösung von Schmerzen und die Zerstörung der Gelenke (siehe: Welche Rolle spielt das Immunsystem bei der JIA?).

Das Wissen um die Bedeutung der Botenstoffe bei rheumatischen Erkrankungen hat sich die Forschung zu Nutze gemacht und Medikamente entwickelt, die diese Entzündungsstoffe ausschalten (Biologika).

Welche Rolle spielt das Immunsystem bei der JIA?

Bei der juvenilen idiopathischen Arthritis (JIA) kommt es zu einer Überreaktion des Immunsystems. Die Folge: Das Immunsystem wird zu stark und erkennt Bestandteile des Körpers - wie z.B. die Gelenkinnenhaut - fälschlicherweise als fremd und löst damit eine Immunreaktion, also eine Entzündung aus. Die JIA wird also nicht durch ein zu schwaches, sondern im Gegenteil durch ein zu starkes, überreagierendes Immunsystem ausgelöst.

Allgemein nennt man diese Erkrankungen, deren Ursache eine überschießende Reaktion des Immunsystems gegen körpereigenes Gewebe ist, Autoimmunerkrankungen. Anstelle krankheitsverursachender Keime werden bestimmte Bestandteile des eigenen Körpers irrtümlich als Feind angesehen und von den Spezialeinheiten T- und B-Zellen bekämpft. Die JIA gehört damit zur Gruppe der Autoimmunerkrankungen. Warum der eigene Körper auf Selbstangriff umschaltet, gibt den Forschern immer noch Rätsel auf. Dass auch Gendefekte bei der JIA eine Rolle spielen können, ist bekannt.

Überreagierendes Immunsystem bei Autoimmunerkrankungen Überreagierendes Immunsystem bei Autoimmunerkrankungen

Bei Autoimmunerkrankungen wie der JIA bekämpfen die Spezialeinheiten T- und B-Zellen körpereigene Strukturen wie die Gelenkinnenhaut, die das Gelenk von innen auskleidet (siehe: Aufbau und Funktion eines gesunden Gelenks). Wie bei der Abwehr von Krankheitserregern kommt es zu einer Entzündungsreaktion, die sich im Gelenk und in anderen Teilen des Körpers abspielen kann. Schmerzen, Schwellung und eine eingeschränkte Beweglichkeit der Gelenke sind die Folgen.

Durch das überreagierende Immunsystem werden ständig neue T- und B-Zellen gebildet und in das Gelenk und/oder den Körper bzw. Organe geschickt. Damit kann die Entzündung nicht ausheilen, sondern wird immer wieder neu entfacht und angeheizt. Der Mediziner spricht von einer chronischen, also dauerhaften Entzündung.

Behandelt man diese chronische Entzündung nicht, schreitet sie weiter fort, und die entzündete Gelenkinnenhaut wuchert in den Knorpel und den benachbarten Knochen hinein. Eine unwiederbringliche Zerstörung des Gelenks und des Knochens mit Verformung und Versteifung bis hin zur völligen Unbeweglichkeit des betroffenen Gelenks können die Folgen sein.

Um die Funktion der Gelenke zu erhalten und die systemischen Entzündungsprozesse zu mindern, muss die JIA frühzeitig behandelt werden (siehe: Medikamentöse Therapie).

Referenzen

  1. Still GE.
    On a Form of Chronic Joint Disease in Children. Med Chir Trans. 1897;80:47-60.9.
  2. Petty RE et al.
    International League of Associations for Rheumatology classification of juvenile idiopathic arthritis: second revision, Edmonton, 2001. J Rheumatol. 2004 Feb;31(2):390-2.
  3. Roether E et al.
    Kriterien zur Diagnose und Klassifikation rheumatischer Erkrankungen. Rheumazentrum Südbaden. Medizinische Universitätsklinik Freiburg, Abteilung für Rheumatologie und Klinische Immunologie, Hugstetter Str. 55 ・ 79106 Freiburg. 5. Auflage 2012.
  4. Macaubas et al.
    Oligoarticular and polyarticular JIA: epidemiology and pathogenesis. Nat Rev Rheumatol. 2009 Nov;5(11):616-26.
  5. Horneff G.
    Juvenile Arthritiden. Z Rheumatol. 2010 Oct;69(8):719-35;
  6. Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie: Was ist Kinderrheuma?
  7. Gurion R et al.
    Systemic Arthritis in Children: A Review of Clinical Presentation and Treatment. Int J Inflam. 2012;2012. Free PMC Article.http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3253447/
  8. Modesto et al.
    Incidence and prevalence of juvenile idiopathic arthritis in Catalonia (Spain). Scandinavian Journal of Rheumatology. 2010;39(6):472–479.
  9. Dückers G, Niehues T.
    Biologika bei der Therapie der SoJIA (Morbus Still). Z Rheumatol. 2010 Aug;69(6):505-15.
  10. de Benedetti F et al.
    Correlation of serum interleukin-6 levels with joint involvement and thrombocytosis in systemic juvenile rheumatoid arthritis. Arthritis Rheum. 1991 Sep;34(9):1158-63.
  11. CHAQ Fragebogen