Die 15-jährige Saint Liedwina aus Schiedam (NL) bricht sich beim Schlittschuhlaufen eine Rippe. Der Sturz durch eine plötzlich auftretende Schwäche ist das erste Anzeichen für ihre Erkrankung, die sich im weiteren Verlauf zunehmend verschlechtert bis schließlich beide Beine gelähmt sind. Historiker betrachten dies als einen der ersten dokumentierten Fälle von MS. (1)

Der französische Anatom Jean Cruveilhier und der schottische Pathologe Robert Carswell sind die ersten, die gleichzeitig und unabhängig voneinander die für MS typische Läsionen des zentralen Nervensystems beschreiben und illustrieren. (2,3)

Dr. Jean-Martin Charcot, Professor an der Universität von Paris, behandelt eine junge Frau mit Zittern und Sprachstörungen. Nach ihrem Tod findet er Ablagerungen in ihrem Gehirn, die er als „sclerose en plaques“ bezeichnete. Diese brachte er mit seinen klinischen Beobachtungen in Zusammenhang und diagnostiziert als erster die MS als eigenständige Erkrankung. (3,4)

Der französische Wissenschaftler Dr. Louis Ranvier entdeckt das Myelin, dass die Nervenzellfortsätze umhüllt und schützt und bei Patienten mit MS geschädigt wird. (4)

An der Universität von Edinburgh gelingt Dr. James Dawson ein Durchbruch in der pathologischen Erforschung der MS. Er ist der erste, der die Myelinschädigungen und Entzündungen der Blutgefäße im Gehirn beschreibt. (8)

Dem amerikanischen Forscher Dr. Thomas Rivas gelingt der Beweis, dass MS keine Viruserkrankung ist. Durch Injektion von physiologischem Myelin im Tiermodell kann er MS-typische Symptome auslösen. Diese, der MS sehr ähnlichen Form der Erkrankung, wird experimentelle allergische Enzephalomyelitis (EAE) genannt. (4)

Der amerikanische Neuroimmunologe Dr. Philip Paterson findet heraus, dass T-Zellen an der EAE beteiligt sind, in dem er diese Immunzellen durch Injektion von einem Tier auf das andere transferiert und somit die Erkrankung überträgt.5,6

1960 entdeckten Wissenschaftler einen weiteren Immunzelltyp,
die sogenannten B-Zellen in der Zerebrospinalflüssigkeit.
Dies ist ein bedeutender Fortschritt für die Diagnose von MS. (7)

In den beiden nächsten Jahrzehnten wurde die Rolle des Immunsystems bei MS weiter erforscht und viele Wissenschaftler bestätigten, dass MS eine immunvermittelte Erkrankung ist. (8,9)

1981 setzt der britische Forscher Dr. Ian Young die Magnetresonanztomographie (MRT) für die Bildgebung bei einem MS-Patienten ein. Schon der erste Scan zeigt, dass Anzeichen für die Erkrankung im MRT identifiziert werden können – auch wenn der Patient noch keine Symptome hat. (8)

Der Neurologe John Kurtzke entwickelt die EDSS-Skala (Expanded Disablity Status Scale), die bei der Untersuchung von MS-Patienten eingesetzt wird. (10) Die Parameter bewerten u.a. die Sehfunktion sowie die Motorik und das Gehvermögen.

In den 1990er Jahren werden die ersten Arzneimittel zur Behandlung von MS entwickelt, die die Erkrankung kontrollieren aber die MS-Zeichen und Symptome nicht heilen können. Verschiedene injizierbare Arzneimittel erhalten eine Zulassung zur Reduktion der Schubrate bei Patienten mit schubförmiger MS (RMS), der häufigsten Form dieser Erkrankung. (8) Seither sind weitere Arzneimittel entwickelt worden, die die Behinderungsprogression verlangsamen.

Die meisten neuen Arzneimittel, mit verschiedenen Wirkmechanismen und Verabreichungsarten, richten sich gegen die Funktion der T- und B-Zellen als primäres Wirksamkeitsprinzip. Neuere Erkenntnisse unterstreichen die wichtige Rolle der B-Zellen bei MS. (11-14) Ein therapeutischer Durchbruch gelang 2018, als das erste Medikament zur Therapie der primär progredienten Form der MS (PPMS) zugelassen wurde.

Weiterhin wird intensiv an Erkrankung und Therapiemöglichkeiten der MS geforscht. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Erkenntnis, dass die MS-bedingten Entzündungsprozesse auch unabhängig von Schüben weiter voranschreitent. Eines der Therapieziele ist es daher, das Fortschreiten der MS-Erkrankung zu verhindern und dadurch Behinderungen und weitere Einschränkungen für Patienten zu vermeiden. Ein frühzeitiger Therapiebeginn kann die Prognose für den jeweiligen Verlauf der MS langfristig verbessern.

Referenzen

  1. Medaer, R. (1979). Does the history of multiple sclerosis go back as far as the 14th century? Acta Neurologica Scandnavica. 60(3):189–92.

  2. Murray, T. (2009). Robert Carswell: The First Illustrator of MS. The International MS Journal. 2009. 16, 98–101.

  3. Compston, A., Lassmann, H., McDonald, I. (2006). McAlpine's Multiple Sclerosis (Fourth Edition). London: Churchill Livingstone. 3–6.

  4. Rolak, L. (2003). MS: The Basic Facts. Clinical Medicine & Research. 1 (1), 61–62.

  5. Paterson, P. (1960). Transfer Of Allergic Encephalomyelitis In Rats By Means Of Lymph Node Cells. The Journal of Experimental Medicine. 111, 119–1947.

  6. Fletcher, J et al. (2010). T cells in multiple sclerosis and experimental autoimmune encephalomyelitis. Clinical and Experimental Immunology. 162, 1–11.

  7. Holmøy, T. (2009). The Discovery of Oligoclonal Bands: A 50-Year Anniversary. European Neurology. 62, 311–315.

  8. Rolak, L. (2009). The Basic Facts: The History of MS. National MS Society. 1–11.

  9. Steinman, L. (2003). Optic Neuritis, A New Variant of Experimental Encephalomyelitis, A Durable Model for All Seasons, Now In Its Seventieth Year. The Journal of Experimental Medicine. 197 (9), 1065–1071.

  10. Kurtzke, J. (1983). Rating neurologic impairment in multiple sclerosis: An expanded disability status scale (EDSS). Neurology. 33, 1444–52.

  11. Disanto G, Morahan JM, Barnett MH, Giovannoni G, Ramagopalan SV. (2012). The evidence for a role of B cells in multiple sclerosis. Neurology. 78 (11), 823–32.

  12. Hauser, S. et al. (2008). B-Cell Depletion with neuroparalytic accidents in Relapsing–Remitting Multiple Sclerosis. New England Journal of Medicine. 358, 676–88.

  13. Magliozzi, R. et al. (2013). B-cell enrichment and Epstein-Barr virus infection in inflammatory cortical lesions in secondary progressive multiple sclerosis. J Neuropathol Exp Neurol. 72(1):29-41.

  14. Haugen, M. et al. (2014). B cell follicle-like structures in multiple sclerosis-with focus on the role of B cell activating factor.
    J Neuroimmunol. 273(1-2):1-7.

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